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Fenster wo ich einst mit dir

Fenster wo ich einst mit dir
Abends in die landschaft sah
Sind nun hell mit fremdem licht.

Pfad noch läuft vom tor wo du
Standest ohne umzuschaun
Dann ins tal hinunterbogst.

Bei der kehr warf nochmals auf
Mond dein bleiches angesicht..
Doch es war zu spät zum ruf.

Dunkel – schweigen – starre luft
Sinkt wie damals um das haus.
Alle freude nahmst du mit.

Stefan George (1868-1933)

Totenblumen

Es blühten Tulpen und Narzissen,
sie blühten dir, sie blühten mir,
sie sind verwelkt, sie sind verdorret,
denn heute muss ich fort von dir.

Der blaue und der weiße Flieder,
der hat verloren seine Zier;
er wird uns niemals wieder blühen,
denn heute muss ich fort von dir.

Die roten und die weißen Rosen,
die blühen weder dir noch mir;
sie müssen ungepflückt verwelken,
denn heute muss ich fort von dir.

Die Astern und Reseden blühen,
was hilft es dir, was hilft es mir;
ein andrer wird sie beide brechen,
denn heute muss ich fort von dir.

Die allerletzten gelben Blumen,
die Ringelblumen, pflück ich mir;
sie blühen auf dem Grab der Liebe,
denn heute muss ich fort von dir.

Hermann Löns (1866-1914)

Stammbuchblatt

Und tut's dir weh dass ich von dir geh',
Warum willst du noch dass es dein Auge seh,
Und les' es schwarz auf weiß verbrieft,
Wie mir das Herz vor Wehmut trieft?

Ernst mahnend wie die Freude flieht,
Ein Schatten des Gedankens zieht
Das geschriebene Wort dem Blick einher
Und macht das Herz uns trüb und schwer.

Da steht nun das Wort so traut und lieb;
Doch wo ist die Hand die es niederschrieb?
Und wo ist die Brust der es schwer entklang,
Und wo ist der Mund der es wiedersang.

Drum tut's dir weh, wenn ich von dir geh',
Warum, willst du noch, dass es dein Auge seh?
Der Eine ist für den Anderen fort,
Und nichts bleibt als das kalte Wort.

Friedrich von Bodenstedt (1819-1892)

Die Jugendträume

Der Jüngling weilt in einem Blütengarten
Und schaut mit Lust des Lebens Morgenrot;
Auf seinem Antlitz ruht ein schön Erwarten,
Die Welt ist Himmel ihm, der Mensch ein Gott.

Ein Morgenlüftchen streut ihm duftge Rosen
Mit leisem Finger in das Lockenhaar;
Sein Haupt umflattert mit vertrautem Kosen
Ein bunt Gevögel, singend wunderbar.

Seid stille, stille, dass die flüchtgen Gäste
Ihr nicht dem Jünglinge verscheucht; denn wisst:
Die Jugendträume sind es, wohl das beste,
Was ihm für diese Welt beschieden ist.

Doch, weh! ihm naht mit eisern schwerem Gange
Die Wirklichkeit, und fort auf ewig fliehn
Die Vögel, und dem Jüngling wird so bange,
Da er sie weiter sieht und weiter ziehn.

Nikolaus Lenau (1802-1850)

Ende

Verträumt und müde wie ein Schmetterling im September taumelt der Sommer das Gelände entlang. Altweiberfäden wirren sich um seine zerrissenen Flügel und die Blumen, die noch blühen, haben keinen Honig mehr.

Am Hochwald drüben, hinter dem die Sonne glutet, lauert die Nacht, gleich einer großen Spinne, und wie ein engmaschiges Netz hängt sie die Dämmerung vor das verflackernde Abendrot, nach dem der Schmetterling seinen Flug nimmt.

Cäsar Flaischlen (1864-1920)

Herbst

Die Schwalben sammeln lärmend ihre Züge
und stieben von den Telegraphendrähten,
als ob der Herbst mit Daunenkissen schlüge
und wirbelnd aus den aufgeplatzten Nähten
die weiße Wolle in den Himmel würfe.

Dann fliegen sie in ferne Palmenländer –
und eine Krankheit wird die Welt befallen,
bis über ihre purpurnen Gewänder
die hohlen Winde aufeinander prallen
und lange Nächte durch unsinnig wüten.

Und hangend wie in ungeheuren Schächten,
wirst du mit weiten Augen lauschend liegen
in diesen lauten windewilden Nächten;
kein Arm wird sich um deine Schulter schmiegen,
und dir wird sein, als ob dein Herz zerfiele.

Gustav Sack (1885-1916)

Nun will die Sonne

Nun will die Sonne so hell aufgehn,
Als sei kein Unglück die Nacht geschehn.

Das Unglück geschah auch mir allein,
Die Sonne, sie scheinet allgemein.

Du musst die Nacht nicht in dir verschränken,
Musst sie ins ewige Licht versenken.

Ein Lämpchen verlosch in meinem Zelt,
Heil sei dem Freudenlichte der Welt!

Friedrich Rückert (1788-1866)

Auf den Grabstein meines Bräutigams

In meinem Herzen steht dein Bild,
Dein Name klingt durch meine Lieder
Trotz Tod und Trennung nah ich mild
Zu deinem Grab mich liebend wieder:
Denn zweier Seelen reine Harmonie
Trennt selbst des Todes schriller Misston nie.

Louise Otto (1819-1895)


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