Trauerlyrik » weitersagen

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Trauersprüche: Weltlich|Trauersprüche: Religiös|Trauersprüche: Zitate|Trauerlyrik


Pans Trauer

Die dunkle Trauer, die um aller Dinge Stirnen todessüchtig wittert,
Hebt sachte deiner Flöte Klingen auf, das mittäglich im braunen Haideröhrichtzittert.
Die Schwermut aller Blumen, aller Gräser, Steine, Schilfe, Bäume stummes Klagen
Saugt es in sich und will sie demutsvoll in blaue Sommerhimmel tragen.
Die Müdigkeit der Stunden, wenn der Tag durch gelbe Dämmernebel raucht,
Heimströmend alles Licht im mütterlichen Schoß der Nacht sich untertaucht,
Verlorne Wehmut kleiner Lieder, die ein Mädchen tanzend sich auf Sommerwiesen singt,
Glockengeläut, das heimwehrauschend über sonnenrote Abendhügel dringt,
Die große Traurigkeit des Meers, das sich an grauer Küsten Damm die Brust zerschlägt
Und auf gebeugtem Rücken endlos die Vergänglichkeit vom Sommer in den jungen Frühling trägt –
Sinkt in dein Spiel, schwermütig helle Blüte, die in dunkle Brunnenglitt . . .
Und alle stummen Dinge sprechen leise glühend ihrer Seelen wehste Litaneien mit.
Du aber lächelst, lächelst . . Deine Augen beugen sich vergessen, weltenweit entrückt
Über die Tiefen, draus dein Rohr die große Wunderblume pflückt.

Ernst Stadler

Der Abendstern

Alle Freud' und Trauer, o du holdselig
Wesen, so voll züchtigen Lichts und süßer
Keuscher Klarheit, wohnet in dir, im sanften
Sterne der Liebe.

Schön warst du, wenn einsam der Dichter oftmals
Seines Baches Erlen entlang im Thale,
Ach mit düstrem Sinnen und namenloser
Sehnsucht gewandelt.

Schön warst du, als endlich dies Herz gestillt war,
Als ein Auge, schwarz wie des Himmels lautre
Tiefe Nacht, aufblickte mit mir zum lieben
Sterne der Liebe!

Schön warst du, als träumend mit großen Menschen
Großen Freunden, schwärmend in Vorgefühlen
Künft'gen Ruhms, das Auge voll Gluth in deinem
Strahle sich kühlte.

Schön warst du, als endlich mein Schicksal nahte.
Als ich mehr verlor, denn ein Mensch gewinnen
Kann, kehrt' oft wehmüthig zurück im stillen
Sterne die Liebe.

Doch am schönsten dünkst du mir wohl vor Allem
Wenn ich oft im Schmerz und der Trauer meiner
Einsamkeit, in Schutt und in Säulentempeln
Heimathlich wandle,

Und zumal dein freundliches Licht des schwarzen
Colosseums Schauern, wie eine Seele
Ihrem Grab am Tag des Gerichts, entstrahlt, o
Stern du der Liebe.

Wilhelm Friedrich Waiblinger

Leben, in Winde gestreut

Drum hängt meine Sehnsucht, die ich nicht nennen kann,
noch an jener Wolke;
meine Trauer, die ich nicht sagen kann,
an jenem Tann;
und irgendwo in einer Welle
mein Schweifen, so uferlos ...
Nun wird es aus der Wolke dort
einem andern entgegenseufzen;
aus dem Tann ihm weinen;
die Welle wird ihn fortziehn
und er weiß nicht, warum ...

Leo Sternberg

Die Toten

Die Toten starben nicht. Es starb ihr Kleid.
Ihr Leib zerfiel, es lebt ihr Geist und Wille.
Vereinigt sind sie dir zu jeder Zeit
in deiner Seele tiefer Tempelstille.

In dir und ihnen ruht ein einiges Reich,
wo Tod und Leben Wechselworte tauschen.
In ihm kannst du, dem eigenen Denken gleich,
den stillen Stimmen deiner Toten lauschen.

Und reden kannst du, wie du einst getan,
zu deinen Toten lautlos deine Worte.
Unwandelbar ist unsres Geistes Bahn
und ewig offen steht des Todes Pforte.

Schlagt Brücken in euch zu der Toten Land,
die Toten bau’n mit euch am Bau der Erde.
Geht wissend mit den Toten Hand in Hand,
auf dass die ganze Welt vergeistigt werde.

Manfred Kyber

Glockengießer

Du darfst des Lebens bunte Lichter
allein nur deinem Engel weihn
und musst, bist du der Wahrheit Dichter,
des Geistes Glockengießer sein.

Die Formen musst du bau’n und schließen
Mit deiner Seele Aschenglut,
des Geistes Glocken drin zu gießen,
den du erkauft mit deinem Blut.

Dein Herz wird in der Brust zerspringen,
so wie dir Form um Form zerbricht –
doch deine Glocken werden singen
in Ewigkeit das Lied vom Licht.

Manfred Kyber

Vox Humana

Nieder stieg ich zu vergessen,
was ich einst im Licht besaß
und doch nie bewußt besessen,
weil ich es noch nie vergaß.

Durch Vergeß’nes muß ich dringen,
selber muß ich, geistgeweiht,
in Erinnerung erringen
meines Wesens Wesenheit.

Graben muß ich Grabeshügel,
sterben lassen, was erstarb,
bis der Freiheit Flammenflügel
sich mein eignes Ich erwarb.

Bis die Worte in mir reden,
die ich unbewußt gewußt,
bis in mir der Garten Eden
mein wird in der eignen Brust.

Manfred Kyber

Vox Coelesta

Laßt euch helfen, laßt euch halten -
aufwärts zieht der Engel Heer,
vielgestaltige Gestalten,
Mächte, Throne und Gewalten -
aufwärts zum kristallnen Meer.

Aller Mühe, allem Ringen
gibt die heilige Schar Geleit.
Jedes Wesen zu durchdringen,
breitet schirmend seine Schwingen
eine Bruderwesenheit.

Laßt euch helfen, Helferhände
sind euch segnend zugesellt,
schaffen rastlos ohne Ende
eurer Seele Sonnenwende
und die Osternacht der Welt.

Laßt entsiegeln eure Sinne,
werdet Blut von seinem Blut,
daß ihr ruht in Maienminne,
wo im Schoß der Urbeginne
Judas rote Rose ruht.

Manfred Kyber

Seefahrt

Es gleitet des Lebens Nachen
weglos im Nebelgrau.
Ob wir träumen oder wachen,
keiner weiß es genau.

Die wütende Woge brandet
brüllend um Bug und Kiel.
Keiner weiß, wo er landet,
keiner kennt sein Ziel.

Bis wir in Nacht und Grauen,
wind- und wetterumweht,
mit Augen der Ewigkeit schauen
Den, der am Steuer steht.

Manfred Kyber

Stimme aus dem Thale

Mein Kamerad war ein Knabe,
Der schönste vom ganzen Reich,
Stark mit dem geschälten Stabe,
Kein anderer kam ihm gleich.

Wir trieben auf grüne Matten
Des Vaters Heerden zumal,
Dort grasten sie gern im Schatten
Am Bach' im düsteren Thal.

Im Erlenbusche verborgen
Von Blättern und staubigem Gras,
Dem Wellengemurmel zu horchen,
Ich stundenlang mit ihm saß.

Das war ein heimliches Wehen
Tief unten im silbernen Bach;
Wir glaubten das zu verstehen,
Was flüsternd er zu uns sprach.

Er war ein wackerer Knabe,
So'stille, herzlich und gut;
Er ruhet im feuchten Grabe,
Verschlungen von dieser Flut.

Julius Mosen

Er ging hinauf unter dem grauen Laub
ganz grau und aufgelöst im Ölgelände
und legte seine Stirne voller Staub
tief in das Staubigsein der heißen Hände.

Ich finde dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.
Nicht in den anderen. Nicht in diesem Stein.
Ich finde dich nicht mehr. Ich bin allein.

Rainer Maria Rilke

Da man sich in das Leben hat fügen müssen,
wie viel leichter sollte man sich in das Sterben fügen können.

Wilhelm Raabe

Der Wittwe Töchterlein

Die Wittwe weint die lange Nacht
In ihres Herzens Pein;
Denn, ach! zu Grabe ward gekracht
Ihr einzig Töchterlein.

Sie jammert laut in ihrem Schmerz:
Du kennst nicht Menschennoth,
Du kennest nicht ein Mutterherz,
Erbarmungsloser Gott!

Wie sie so ruft in bitterm Leid,
Sitzt vor ihr bleich und hold
Das Kind in seinem Todtenkleid,
Im Kranz von Flittergold.

Es schaut sie traurig an und spricht:
Ach ! weine nicht so sehr!
Sonst kann ich zu des Himmels Licht
Aufsteigen nimmermehr.

Mein Kleid ist schwer, mein Kleid ist naß
Von Thränen ohne Zahl,
Und zieht mich ohne Unterlaß
In dir und deiner Qual.

Da kämpfte sie mit aller Macht,
Bis sie den Schmerz verwand,
Und wieder in der dritten Nacht
Bei ihr das Kindlein stand.

Sein Antlitz war so sonnenklar
Und leuchtend sein Gewand;
Ein Licht erglänzte wunderbar
In seiner weißen Hand.

Es lächelt ihr so selig zu,
Und spricht sie freundlich an:
Süß, Mutter, ist die Grabesruh,
Und Gott hat wohlgethan!

Wie nun es endlich ihr entwich,
Da betete sie viel,
Sie lobte Gott intrünstiglich
Und ohne End' und Ziel.

Julius Mosen

Die Rosenknospe

Im dunkeln Wald verirrte
Ein armer Knabe sich,
Er warf sich auf die Erde
Und weinte bitterlich.

Bald stand vor ihm ein Kindlein
Mit einem Flügelpaar,
Rings um sein Haupt erglänzte
Ein Schein gar licht und klar.

ES that ihm in sein Körbchen
Ein Tuch so weiß und rein,
Dann aber frische Brödchen
Und Honigseim hinein.

Es lehrte manches Sprüchlein
Und führt' ihn bei der Hand,
Bis endlich so der Knabe
Vor seiner Hütte stand.

Und eine Rosenknospe
Gab es ihm freundlich hier
Und sprach: wenn sie erblühet,
Dann bin ich stets bei dir.

Als nun des Knaben Mutter
Am Mahle sich gesetzt,
Da hat sie auch die Knospe
In's Wasserglas gesetzt.

Doch an dem nächsten Morgen
War hell und purpurroth
Das Rös'chen aufgeblühet,
Der Knabe bleich und todt.

Julius Mosen

Andreasnacht

Andreasnacht, Andreasnacht,
Drei Jungfraun haben sie durchwacht.
Die wollten gerne wissen
Vom Liebsten sichre Kund',
Der sie einst würde küssen
Auf ihren rothen Mund.

Sie breiteten ein weißes Tuch
Und legten drauf das heil'ge Buch,
Die Kelle sammt der Schüssel,
Ein Licht gab trüben Schein,
Dabei lag noch ein Schlüssel
Bei einem Todtenbein.

Die Erste satzt' sich hin und aß,
Das dort in leerer Schüssel was;
Sie wollte gerne wissen
Vom Liebsten sichre Kund',
Der sie einst würde küssen
Auf ihren rothen Mund.

Die Thür ging auf, ein Reitersmann
Kam hoch herein und schaut sie an;
Da kehrt sie um die Kelle
Und lachte still für sich,
Da ging der Mann gar schnelle,
Die Sprach' hielt sie an sich.

Die Zwote saht' sich hin und aß,
Das dort in leerer Schüssel was;
Sie wollte gerne wissen
Vom Liebsten sichre Kund',
Der sie wol würde küssen
Auf ihren rothen Mund.

Die Thür' ging auf, es kam heran
Ein Kater, der miaut sie an;
Da kehrt sie um die Kelle
Gar schnell und ärgerlich,
Da trollet er sich schnelle.
Die Sprach' hielt sie an sich.

Die Dritte saht' sich hin und aß.
Das dort in leerer Schüssel was;
Sie wollte gerne wissen
Vom Liebsten sichre Kund',
Der sie einst würde küssen
Auf ihren rothen Mund.

Die Thür ging auf, ein Knochenmann
Starrt sie mit hohlen Augen an,
Sie kehrt nicht um die Kelle,
Die Hände streckt sie aus,
Und an derselben Stelle
Ergriff sie Todesgraus.

Julius Mosen

Die Windsbraut

Der Jäger zog durch Wald und Nacht
Und bließ sein helles Horn,
Es jagt ihn eine dunkle Macht
Empor durch Busch und Dorn.

Bald kam es sturmeswild gesaust
Aus tiefer Schlucht herauf,
Ein Nebelroß kam wild gebraust,
Ein Nebelweib saß d'rauf.

Das sprach: Mein Roß hält guten Schritt
Auf Bergeskupp und See;
Faß' Muth ! Faß' Muth, und komme mit
Hoch über Firn' und Schnee!

Ich hab' ein Rößlein schnell und gut,
Herauf, herauf geschwind!
Wol springt es über Meeres Flut
Und kreist im Wirbelwind.

Sein Schnauben bricht den Eichenwald
Und hohe Burgen ein.
Mit seines Hufes Allgewalt
Zerstampft es Fels und Stein.

Es steigt das Roß so nebelhaft,
Es weht die Mähne lang;
Der Jüngling hoch in wilder Kraft
Sich zu dem Weibe schwang.

Das sprach zu ihm, es sprach gar laut:
Hörst du des Windes Braus?
Ich bin des Tollen tolle Braut,
Zum Meer reit' ich hinaus!

Hei! wie die Woge tanzt und singt
Und springt so keck und frei!
Des Jägers Waldhorn oben klingt:
Zum Tod', zum Tod' herbei!

Julius Mosen

Der Araber in der Wüste

Wüste streckt sich um mich her
Unabsehbar, tödtlich lang,
Und des Sandes dürres Meer
Woget um mich heiß und bang.

In den tiefen Sand gedrückt
Aechzet sterbend das Kameel,
Ach! aus seinen Augen blickt
Aengstlich ringend seine Seel'.

Und es sengt durch Mark und Bein,
Muß vergehn, verschmachten hier;
Um zu stillen meine Pein
Flüstert keine Quelle mir.

Muß ich, Zora, sterben auch,
Zora mit dem dunklen Haar
Und dem stolzen Feueraug',
Deiner denk' ich immerdar!

Meine Zunge, ach! ist dürr
Wie ein Zweig, den Feuer frißt,
Und mein Auge wirr und irr'
Findet weder Heil noch Frist.

Nimm, Mahommed, meinen Geist!
Daß ich komme zu der Au',
Wo der Gottesbrunnen fleust,
Wo dein Antlitz ich erschau'!

Julius Mosen

Genius Astri

Durch die Kette deiner Leben
erdennah und erdenfern –
immer segnend dir zu Häupten
hält dein Engel deinen Stern.

Geh in Grauen, Not und Schande,
wandre aller Hoffnung bar,
auch im allertiefsten Dunkel
flammt das Licht, das ewig war.

Unter Dornen, unter Rosen,
unbeirrt seit Urbeginn
leuchtet über deiner Seele
das urwewige „Ich bin“.

Jede Nacht kannst du es schauen,
neu zu jedem neuen Tag
rührt dich reinigend und sühnend
deines Engels Schwingenschlag.

Und befreit die Todesstunde
Deines Wesens wahren Kern –
heimwärts in die ewige Heimat
trägt dein Engel deinen Stern.

Manfred Kyber

Ad Astra

Nimm mich auf in deine Einheit,
aller Leben einiges All,
bade rein mich in der Reinheit
deines Meeres von Kristall.

Gib mir jenen Trank zu trinken,
der Vergessenheit verleiht,
laß die Seele sehnend sinken
in den Ring der Ewigkeit -

wo in diamantnen Fernen
Stern um Stern im Äther kreist,
Sternenengel, zu den Sternen
leite meinen ewigen Geist.

Manfred Kyber

Der Rufer in der Einsamkeit

Sei verbunden seinem Bunde,
aller Wesenheit geweiht
mit dem Blut aus Seiner Wunde -
künde seines Kelches Kunde,
Rufer in der Einsamkeit.

Werde Träger seiner Male,
Er in dir und du in Ihm.
Einmal in topasnem Saale
neigt sich dir des Grales Schale
aus der Hand der Cherubim.

Manfred Kyber

Der Stern von Jerusalem

Einmal wird diese Wanderung enden,
der letzte Schleier der Maja fällt
und der Tod
mit liebenden Bruderhänden
führt dich in die entsiegelte Welt.

Aus deinen irdischen Augen, die starben,
blühn neue, lotosblumengleich,
und schauen erschauernd erahnte Farben
auf der Erde verlassenem Reich.

Dann lenke die Blicke wiedergeboren
ins Violett des Ostens hinaus:
mit goldenen Hallen, topasenen Toren
schaust du der ewigen Heimat Haus.

Verklärt in aller Klarheit Kristallen,
flammt aller Sterne Sterndiadem
mit topasenen Toren
und goldenen Hallen -
die ewige Stadt - Jerusalem.

Manfred Kyber

Sonnenaufgang

Es kommt eine Stunde, du Menschenkind,
wo all deine Lampen erloschen sind,
wo all deine glutenden Feuer verglüht,
und all deine duftenden Blumen verblüht,
wo, keiner holden Täuschung vereint,
keine Bande dich binden -
deine Augen, die so viel geweint,
keine Tränen mehr finden.

Es kommt eine Stunde, du Menschenkind,
wo all deine Lampen erloschen sind -
wo kein Leben lockt und kein Lachen lacht
und kein Stern dir leuchtet in deiner Nacht.
Wo selbst dein Tempel, den du geglaubt
in Ewigkeit zu bauen,
dir, seines Hochaltars beraubt,
versinkt in Grab und Grauen.

Es kommt eine Stunde, du Menschenkind,
wo all deine Lampen erloschen sind . . .
Dann ist es Zeit -
Dann geh - ein Bettler im Bettelkleid -
in deiner Seele unnennbare Einsamkeit.
Dann suche dir einsam den eigenen Pfad
die Berge hinauf - bis zum höchsten Grat.

Dort kniee nieder und falte die Hände,
es ist ein heiliger Ort
und sein Name und Wort
ist ohne Anfang und Ende.
Es wird dunkel und einsam um dich sein
und du bist allein . . .

Dort wache und warte, ergeben und still,
wachen mußt du und warten.
Einmal wird es sein,
daß dein Engel dir öffnen darf und will
die Tore zum ewigen Garten.

Einmal wird es sein,
daß überleuchtet vom eigenen Licht
die Sonne über die Berge bricht.
Einmal, einmal wird es sein -
Er tritt zu dir - du bist nicht mehr allein.
Die Sonne ging auf - Jesus Christ -
überleuchtet vom Licht, das ER selber ist.

Manfred Kyber

Initiation 2

Vertrau dem Licht in dir,
dem Gott in deinem Sein,
dann gehst du stark und rein
den Gang durch Grab
und Grauen bis zum Ende
und Tod und Leben
reichen sich die Hände.

Es werde Licht -
und auf des Tempels höchsten Stufen
von Angesicht zu Angesicht
schaust du die Wesenheiten,
die dich schufen,
schaust unter dir zu deinen Füßen
vergangene Leben
aus der Dämmerung grüßen.

Isis entschleiert, Horus ward geboren,
Osiris ist in dir erwacht.
Und neben dir blickt traumverloren
der Sphinx in die gestirnte Nacht.

Manfred Kyber

Initiation 1

Schau an die Säulen,
die gen Himmel ragen,
die Tore, die der Isis Namen tragen,
schau an - vielleicht zum letzten Mal.
Noch ruht in deiner Hand die Wahl.
Steigst du als Sieger auf,
fällst du Besiegter nieder -
die Tore, die der Isis Namen tragen,
sie öffnen sich
dem Sterblichen nicht wieder.

Noch stehst du an des Tempels Pforte,
noch denke an die Warnungsworte:
kein Sterblicher hat Isis je enthüllt.
Willst du erschaun
der Göttin wahres Bild,
willst du um ewige Weisheit werben -
ein Lebender mußt du im Leibe sterben.

Bist du bereit, den dunklen Gang zu gehn,
mit deinen Augen
in dein eigenes Grab zu sehn?
Noch bist du nicht im Dunkel und allein.
Noch ist es Zeit.
Noch loh’n die Fackeln und der Sterne Schein
schreibt zitternd blasse Zeichen in den Stein.
Bist du bereit?

Im Dunkel liegt das Haus.
Die Tore schlagen zu.
Die Fackeln löschen aus.

Manfred Kyber

Tod

Auf welke Blüten musst du schauen,
auf Blätter, die der Wind verweht.
Dem Tod, dem Tod musst du vertrauen,
dem Einzigen, der dich hier versteht.

Er führt dich ein zu deinem Meister,
er lehrt dich, schlummermüd und sacht,
den wachen Schlaf der ewigen Geister
im Frieden der gestirnten Nacht.

Bis lautlos ineinandergleitet
in deiner Seele Lust und Leid
und er dich segnend heimgeleitet
zur Wiege aller Wesenheit.

Manfred Kyber

Der Wächter der Lampe

Wachsein ist alles. Es kommt die Nacht
und keiner wird keinen erkennen.
Haltet wacht
und laßt die Lampen brennen.
Alles Werden ist wankend und ungewiß,
aber alles Ziel ist Reife.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis,
auf daß sie es einst begreife.

Manfred Kyber

Der Schlaf

Der Schlaf ist heilig.
Wenn die Nacht sich neigt
herab mit ihren
sterngeschmückten Schwingen,
löst sich der Geist vom Leib und steigt
empor zur Heimat, die er nie erreicht,
wenn ihn des Körpers Fesseln zwingen.

Der Schlaf ist heilig.
Sein umflorter Schleier
hüllt das vergängliche in seine Nacht.
Das Geistige in dir erwacht
und rührt die sieben Saiten seiner Leier
allabendlich zur Auferstehungsfeier.

Der Schlaf ist heilig. Heilig halte ihn
als deines Seins verhangne Tempeltüre,
daß er dein ewiges “Ich bin”
allnächtlich zu des Daseins Sinn
aus deiner Tage wirrer Wildnis führe.

Er trägt dich fern von Lust und Qualen,
die du in seinem Schoß vergißt,
in blaue Flammenfernen des Astralen,
in dem sich tausend lichte Farben malen,
in dessen Formen, Wesenheit und Zahlen
dein eigentliches Leben ist.

Er lehrt dich sterben, auferstehen,
im Tag den Trug, im Schlaf das Wachen sehen.
Der Schlaf ist heilig. Bette sanft und sacht
die Seele ein in seinen Engelsarmen
und denke: neben ihm im Allerbarmen
hält Nacht für Nacht
der Tod, sein Bruder, treue Tempelwacht.

Manfred Kyber

Die Toten

Die Toten starben nicht. Es starb ihr Kleid.
Ihr Leib zerfiel, es lebt ihr Geist und Wille.
Vereinigt sind sie dir zu jeder Zeit
in deiner Seele tiefer Tempelstille.

In dir und ihnen ruht ein einiges Reich,
wo Tod und Leben Wechselworte tauschen.
In ihm kannst du, dem eigenen Denken gleich,
den stillen Stimmen deiner Toten lauschen.

Und reden kannst du, wie du einst getan,
zu deinen Toten lautlos deine Worte.
Unwandelbar ist unsres Geistes Bahn
und ewig offen steht des Todes Pforte.

Schlagt Brücken in euch zu der Toten Land,
die Toten bau’n mit euch am Bau der Erde.
Geht wissend mit den Toten Hand in Hand,
auf dass die ganze Welt vergeistigt werde.

Manfred Kyber

Waldfantasie

Im Walde steht ein Eichenbaum.
Traun, eine mächt’ge, ries’ge Eiche!
Und unter ihr im Felsenraum
Ruht eines Heldenkönigs Leiche.

Von mancher Jahre Leid und Lust
Weiß jene Eiche wohl zu sagen,
Und durch des Königs breite Brust
Hat eine Wurzel sie geschlagen.

Wenn nun das Maienglöckchen blüht
Und blühend stehn des Gartens Bäume,
Die milde Frühlingssonne glüht:
Dann träumt der König süße Träume.

Dann träumt der Tote sich zurück
Den Segen all‘, den er empfunden;
Dann träumt der von der Liebe Glück,
Von Kränzen, die das Glück gewunden.

Doch, wenn im Herbst der wilde Sturm
Am Stamm der alten Eiche rüttelt
Und heulend fährt durch Burg und Turm:
Das greise Haupt des Königs schüttelt.

Er denkt, wie durch den Waldesraum
Er einst gejagt zum Schlachtenreigen;
Ihm dünkt, sein Streitross scharr‘ am Baum,
Dass er’s auf’s neue sollt‘ besteigen. –

Er fährt empor. „O, dass ich dürft‘
Jetzt fahren drein wie Gottes Wetter!“ –
Er schlummert ein; die Eiche wirft
Auf’s Heldengrab die welken Blätter.

Emil Rittershaus

Meerfantasie

Wenn hoch vom Himmelsbogen
Der Stern zum Meere sieht,
Dann singen alle Wogen
Ein wunderbares Lied.

Das ist ein Lied, so traurig,
Wie’s nie ein Mensch erdacht!
Am Felsen rauscht es schaurig
In dunkler Mitternacht

Die Wogen wünschen leise
Die Heimat sich zurück;
Sie singen eine Weise
Von längstverlor’nem Glück.

Vom Palmenlande klingen
Der Worte viele drein;
Von Alpengletschern singen
Die Wogen aus dem Rhein.

Die Fischer in den Booten
Vernehmen oft den Klang,
Und tief im Grund die Toten
Erwachen beim Gesang.

Es wachen auf die Leichen,
Wenn so die Welle spricht.
Die nassen Locken streifen
Sie aus dem Angsicht.

Sie fleh’n zum Wogenschaume:
„O, unsre Heimat grüß‘!“
Und lispeln wie im Träume:
„Wie war das Leben süß!“

Emil Rittershaus

Zum Abend an Jesus

Ich kann dich jetzt nicht lassen,
Der dunkle Abend türmt sich her,
Mußt mich bei Händen fassen,
Ich sehe dich nicht mehr.
Den ganzen Tag lang sucht‘ ich mich,
Nun, da es Abend, find‘ ich dich –
Ich kann dich jetzt nicht lassen,
Der dunkle Abend türmt sich her.

In mir ist Kinderwille
Und tiefster Sehnsucht Schrei,
Solange, bis ich stille
In deinen Händen sei.
Bis daß du mir die Augen kühlst
Und dich zu meinen Schmerzen fühlst
In mir ist Kinderwille
Und tiefster Sehnsucht Schrei.

Das Irren und das Streiten,
Den weltgefangnen Sinn
Nimm in die Sicherheiten
Der Jesushände hin.
Ich geb mein Haupt in deinen Schoß,
Du lösest mich vom Leben los,
Vom Irre und vom Streiten,
Vom weltgefangnen Sinn.

Gustav Schüler

Der Tod und das Kind

Lieb Kindlein, komm, ich trage dich,
Lehn recht dein Köpfchen her an mich;
Ich sing dir eine Weise
Von Vögelein und Blümelein,
Die wollten Fahrtgenossen sein
Auf deiner ersten Reise.

Sieh nur! Doch deine Augen sind
So voll von Schlaf, mein trautes Kind,
Ich will dir alles sagen:
Wir wandern durch ein großes Feld,
Das hat der liebe Gott bestellt,
Das Feld muß Sterne tragen.

Und horch – was schläfst du nur so schwer! –
Ein lieblich Singen läutet her,
Wir nahen deinen Schwestern,
Die waren auch so krank wie du,
Ich sang sie alle ein in Ruh‘ –
Vor tausend Jahren und gestern.

Gustav Schüler

Das Kind

Im Dunkeln saß verlassen ein Kind
Und weinte hinaus in Nacht und Wind,
Und streckte empor die zitternde Hand,
Das blaue Auge gen Himmel gewandt.

"Du Vater dort oben, mein Vater du,
Komm, führ mich Verlaßnen der Mutter zu,
In die schwarze Erde, da grub man sie ein
Und ließ mich Armen so ganz allein."

Und Gott im Himmel hörte sein Flehn,
Er hatte die weinende Unschuld gesehn:
"Verlassen wäre das Kindlein mein?
Wo die Mutter ist, da muß das Kindlein sein!"

Und der Engel des Todes umfaßte mild
Der trostlosen Unschuld trauerndes Bild:
"Lieb Herz, sei ruhig und sonder Harm,
Ich führe dich ja in der Mutter Arm!"

"Du, fremder Mann, wie gut du bist!
So weißt du, wo meine Mutter ist?
O eile, und bringe mich hin zu ihr,
Die Mutter liebt mich, sie dankt es dir!"

"Du Kindlein, siehst du die Blitze glühn?
Dahin woll'n wir gläubigen Sinnes ziehn.
Oft sahst du der Sterne trauliches Licht?
Dort wohnt der Herrgott, der lässet uns nicht."

Und Weste umsäuseln sie lau und klar,
und Rosen umdüften sie wunderbar.
Bei der Himmelspforte langen sie an,
Da war die Pforte schon aufgetan.

Und Kindlein sank an der Mutter Brust
Und trank den Becher der reinen Lust
Und sah viel liebliche Blümlein blühn
Und spielte mit Engeln auf weichem Grün!

Friedrich Hebbel

Das Kreuz im Mondlicht

Leise wallt ein Nebelflor,
Und die Nacht dehnt ihre Flügel,
Einsam in die Luft empor
Ragt ein Kreuz auf kahlem Hügel
Schimmer der Verklärung liegt
Auf des Heilands bleichem Leibe,
Um des Dulders Haupt geschmiegt
Strahlt die volle Mondenscheibe.

Wie auf weichem Kissen ruht
Sanft geneigt sein müder Nacken,
Und es quillt des Lichtes Fluth
Durch der Dornenkrone Zacken.
Dämmer hüllt sein Leid so mild,
Löst so weich die starren Mienen –
Wahrscheinlich, das Erlöserbild
Ist mir hehrer nie erschienen!

Seh‘ ich’s wo am hellen Tag,
Weckt sein Anblick stilles Grauen:
Wundenmal und Geißelschlag,
Alle Martern muß ich schauen
Und die Welt, vom Blute roth,
Das von ihm für sie geflossen,
Die um seinen Opfertod
Immer neues Blut vergossen.

Hüllt die Nacht die Wunden ein
In des Mondlichts zarten Schleier,
Losgelöst von Erdenpein,
Schau’ ich ihn als Schmerzbefreier,
Und der Friede scheint mir da
Still genaht auf sanften Schwingen,
Den das Kreuz auf Golgatha
Allen Menschen sollte bringen.

Albrecht Graf Wickenburg

Spinnlein am Kreuze

Steht ein Kreuz hier, schiefgeneigt,
Und vor Alter schon im Wanken –
Epheu, der sich drum gezweigt,
Hält’s mit seinen trauen Ranken.

Rost nagt ihm die Nägel los,
Und des Dächleins lose Bretter,
Überdeckt von grauem Moos,
Bersten unter Wind und Wetter.

Sonngebleicht die Farben sind,
Und von Regenfluth verwaschen,
Und ein graues Spinnlein spinnt
Um den Heiland seine Maschen.

Und daneben, roth wie Blut,
Thät ein frommer Glaube malen
Nackte Leiber in der Gluth,
Armer Seelen Marterqualen.

Spinnlein hat s mitleidsvoll
Drum sein Antlitz übersponnen,
Daß der Herr nicht schauen soll
Greuel, die der Mensch ersonnen.

Albrecht Graf Wickenburg

Klarheit

Wie schau’n heut‘ alle Gipfel her
So klar im weiten Bogen,
Wie ist vom grünen Wipfelmeer
Heut‘ aller Dunst verflogen!

Das macht, der Herbst ist eingerückt
Und will das Laub verfärben –
Die Klarheit, die mein Aug‘ entzückt,
Verkündet auch ein Sterben.

Drum seh ich alles klar und wahr
Und nah‘ in weiter Runde –
Vielleicht wird’s auch in mir so klar
In meiner Sterbestunde.

Albrecht Graf Wickenburg

Moderleuchten

In Waldesmoosen
Seht Ihr bei Nacht
Ein Glühn‘ und Glosen,
Wie Gold im Schacht.

Wie lockt’s den Späher
Und blinkt so stolz,
Und sieht er’s näher,
Ist’s morsches Holz!

Auch in mein dunkel
Unflortes Sein
Fällt solch‘ Gefunkel
Noch oft herein.

Folg‘ ich dem Schimmer
Bethörten Blick’s,
Ist’s nur Geflimmer
Vermorschten Glück’s.

Albrecht Graf Wickenburg

Sommersterben

Späten Sommers schwüler Duft
Rings im weiten Raume –
Zitternd ringt die heiße Luft
Wie in schwerem Träume.

Hohe Halme, sanft geneigt
Stehen still und lauschen,
Ob sich schon der Schnitter zeigt
Und die Sicheln rauschen.

Kein’s der Rädlein fröhlich stäubt
An der alten Mühle,
Weil der Gießbach wie betäubt
Gleitet durch die Schwüle.

Nur ein fernes Glöcklein wiegt
Sich in seinem Klange –
Wie wenn Ein’s in Zügen liegt,
Tönt es lang und bange.

Leis‘ vom rothen Mohne dort
Rieselt’s in die Krumen –
Sommer, quillt Dein Herzblut fort
In den rothen Blumen?

Albrecht Graf Wickenburg

Zu Allerseelen

Auf allen Gräbern blüht’s
In bleichen Sternen,
Auf allen Gräbern glüht’s
Von Grablaternen;
Auch auf dem ärmsten mag
Ein Wachslicht schwehlen –
Das ist der Feiertag
Der armen Seelen.

Auch dem, der allezeit
Nur Dorn gefunden,
Hat man die Rosen heut‘
Zum Kranz gewunden.
Und war ein Menschensein
Nu eitel Quälen,
Stellt sich der Lorbeer ein
Zu Allerseelen.

Ach, besser, nie an Lust
Und Glück sich laben,
Als einst mit wunder Brust,
Sein Glück begraben,
Als von zerpflückten Kranz
Die Blüthen zählen
Im Grablaternenglanz
Von Allerseelen!

Albrecht Graf Wickenburg

Abschied

Wie war so schön die Zeit!
Nun folgt der Lust das Leid,
Das böse Scheiden!
Heißt’s auch: Auf Wiederseh’n! –
Das Voneinandergeh’n,
Ich mag’s nicht leiden!

Und erst die Eisenbahn,
Die sieht so falsch mich an,
Wie eine Schlange!
Sie liegt so gleißend dort,
Und zieht Dich reißend fort,
Ach, für wie lange!

Und kommst Du wieder doch,
Sind wir dieselben noch,
Die heute scheiden? –
Heißt’s auch: Auf Wiederseh’n! –
Das Voneinandergeh’n,
Ich mag‘s nicht leiden!

Albrecht Graf Wickenburg

Vor einem Gnadenbilde

Maria, so voll Gnaden –
Sie kommen von weit und breit,
Sie kommen mit Krankheit beladen,
Mit Sehnsucht und Herzeleid.
Maria, lächle und schaue
Herab aus Deinem Gezelt,
Du bist ja die liebe Frau
Für eine bekümmerte Welt.

Sie bringen Dir mächtige Kerzen
Und manchen funkelnden Stein,
Sie bringen Dir silberne Herzen
Und wächserne Arm‘ und Bein‘; -
Es danken Dir mit Entzücken
Die Blinden, die wieder seh’n,
Es weihen Dir ihre Krücken
Die Lahmen, die wieder geh’n.

Nur mir ist Alles verdorben,
Denn hät‘ ich Dich noch so sehr –
Die Eine, die mir gestorben,
Erweckst Du mir nimmermehr!
Dort liegt sie, vor Deiner Schwelle,
Du aber, Du siehst sie nicht,
Strahlt auch aus Deiner Kapelle
Hinüber das Kerzenlicht.

Drum bring‘ ich Dir keine Kerze
Und keinen silbernen Sold,
Ich bringe Dir nur ein Herze,
So schwer, als wär‘ es von Gold.
Es drückt mich wunder und wunder,
O still‘ mir das Weh in der Brust –
Ich glaube an all‘ Deine Wunder,
Wenn Du das Eine thust!

Albrecht Graf Wickenburg

Arm in Arm von hinnen scheiden

Arm in Arm von hinnen scheiden,
Wie wir Arm in Arm gelebt,
Hat als Ideal uns Beiden
Einst im Glücke vorgeschwebt.

Und nun bist Du fortgezogen.
Fort in’s unbekannte Meer,
Und von allen Lebenswogen
Spült Dich keine wieder her.

Über mir zusammengeschlagen
Wird derselben Wellen Spiel,
Und dieselben Fluthen tragen
Mich, wie Dich zum selben Ziel.

Irr‘ ich auch in jenen Weiten
Dann allein mit meinem Harm?
Zieh’n wir durch die Ewigkeiten
Wieder selig Arm in Arm?

Albrecht Graf Wickenburg

In der Neujahrsnacht

Sonst, wenn das alte Jahr entschwand,
Nahm ich ein volles Glas zu Hand
Und ließ es froh erklingen,
Und trank’s Dir zu, das Rebenblut,
Als könnt‘ ich mit des Wunsches Glut
Das Glück vom Himmel zwingen.

Und wieder ist ein Jahr verrauscht –
Wie hab‘ ich da so still gelauscht
Dem Wehen seiner Flügel –
Vor mir stand nur ein Wasserglas
Und drin ein Röslein, spät und blaß
Erblüht auf Deinem Hügel.

Ich nehm’s von Dir al Trost und Gruß,
Dies Blümlein, das da blühen muß
Und selbst im Winter blühen,
Denn hört im Frost der Trieb nicht auf,
Vielleicht hört auch die Lieb‘ nicht auf
Im Tode noch zu glühen!

Albrecht Graf Wickenburg

Meiner Mutter

Dir, der ich alles, alles danke,
Was ich im Leben mir errang,
Dir bringt mein Herz, das müde, kranke,
Der Lieder beste, die ich sang!
O, nimm sie hin, du Teure, Gute,
Und ist es schon zu spät, – vergib!
Ich schrieb sie ja mit meinem Blute
Und weih' sie deiner Mutterlieb'!

Du hast dem kindlichen Gemüte,
Was groß und schön, zuerst gezeigt!
Der Poesie vielsüße Blüte
Ward mir aus deiner Hand gereicht!
Es liegt die Heimat meiner Lieder
In jener Zeiten gold'nem Traum!
So geb' ich denn von Herzen wieder
Dir heut', was mir gehörte kaum!

O, daß ich nicht an jenem Morgen
Es bringen konnte, wo beglückt
Wir Kinder, deinem Aug' verborgen,
Dir noch den kleinen Tisch geschmückt!
Fast ist ein Jahr dahingeschwunden,
Bald naht des Tages Wiederkehr, –
Doch du bist fern, – und diese Stunden
Sie kommen nimmer, nimmermehr!

Wo längst des teuren Vaters Hülle
Zur ew'gen Ruhe hingebracht,
Da liegst auch du und schlummerst stille
In kühler Erde dunkler Nacht!
Schlaf' süß! – bis dahin dringt kein Kummer;
Denn alle Schmerzen bannt der Tod!
Wer gönnte dir nicht süßen Schlummer
Nach solchen Lebens Müh'n und Not?!

Zehn Kinder! – Tag und Nacht ohn' Ende,
Was hast du nicht für sie getan?!
Wie haben deine harten Hände
Geebnet uns're Lebensbahn!
Wie hast du bis zur letzten Stunde
Und noch im Sterben immerzu
Geliebt sie all' aus Herzensgrunde,
Du liebe, teure Mutter, du!

Und kam der Kummer unverschuldet,
Wie standhaft hast du allezeit,
Wie fromm und glaubensfroh erduldet,
Was Gott beschert an Weh und Leid!
Nicht wissend, wie wir's tragen sollten,
Uns zeigte das dein frommer Sinn!
Und wenn wir schier verzagen wollten,
Dein Mut half uns darüber hin!

Dir war die reine Menschenliebe
Des Lebens heiligstes Gebot!
Der schönste aller Herzenstriebe,
Zu lindern armer Menschen Not!
Wer so gestillt Bedrängter Schmerzen,
Der hat genügt der höchsten Pflicht,
Und blühen wird's auf seinem Herzen
Von Rosen und Vergißmeinnicht!

Daß wir dich schon gelegt darnieder,
Von wannen keine Wiederkehr!
O, kämest du noch einmal wieder,
Wie kurz auch dein Verweilen wär'!
Ich wollt' dich um Vergebung bitten,
Dir küssend dein lieb Angesicht,
Für das, was du um mich gelitten,
Und du bist tot! – ich kann es nicht!

O Mutter, Mutter, meine Arme
Leg' ich um den verlass'nen Stein
Und bitte, daß sich Gott erbarme,
Um deiner Liebe willen, mein!
Nun dich die andre Welt empfangen,
Verzeihe meinem Lebenswahn!
Du weißt es, wo ich fehlgegangen
Und nicht der Lieb' genug getan!

Dir, der ich alles, alles danke,
Was ich im Leben mir errang,
Dir bringt mein Herz, das müde, kranke,
Der Lieder beste, die ich sang!
Wer weiß, wie bald auch ich schon wand're,
Nimm hin sie, eh' mir kommt die Nacht!
In meinem Herzen keine and're,
Der ich sie lieber hätt' gebracht!

Johann Meyer

Abend

Schon schläft mit leisem Dunkeln
Die große Welt in Frieden ein,
Und traut am Himmel funkeln
Die gold'nen Sternelein.

Es flüstern rings die Bäume,
Es schlägt im Hain die Nachtigall,
Und tausend süße Träume
Durchschweben still das All.

Ob sie aus Blüten wallen,
Ob sie ein Herz voll Weh gesandt,
Es winkt und lächelt allen
Der Liebe Heimatland.

O, du mein Herz, nun wiege
Das Heimweh, das dich quält, zur Ruh'
Und still im Traume fliege
Dem Ziel der Sehnsucht zu!

Johann Meyer

Schlaf ein , mein Lieb, in Frieden

Schlaf' ein, mein Lieb, in Frieden,
Schlaf' ein, süß' Liebchen mein!
Am Himmel glüh'n die Sterne
In weiter, blauer Ferne
Und hauchen allen Müden
Die Ruh' in's Herz hinein.

Schlaf' ein, mein Lieb, in Frieden,
Schlaf' ein, süß Liebchen mein!
Und träum' von meinen Schmerzen,
Von meinem treuen Herzen;
Und träum', wie wir zufrieden
Und glücklich werden sein.

Schlaf' ein, mein Lieb, in Frieden,
Mein Herzenslieb, schlaf' ein!
Laß nichts dich bange machen!
Die Engel werden wachen;
Und Lieb' hat ja hienieden
Viel tausend Engelein!

Johann Meyer

Ich kann es nicht

Wohl seh' ich gern den Himmel brennen
Mit seiner Sterne Flammenpracht;
Doch Schön'res wüßt' ich nicht zu nennen
Als deiner Augen dunkle Nacht.
Dort strahlt mein Glück, ein heller Schimmer,
In deiner Blicke süßem Licht.
O, sage nicht: Leb' wohl auf immer!
Ich kann es nicht!

Wohl mußt' von dir den Schritt ich wenden
Und wandern über Berg und Tal:
Doch tausend Grüße mußt' ich senden
Als Boten meiner Herzensqual.
Du bist die Stütze meiner Freuden,
Die, wenn sie hin, das Herz mir bricht.
O, sage nicht: Wir müssen scheiden!
Ich kann es nicht!

Johann Meyer

Beim Scheiden

Die Sternlein funkelten hell und licht
Herab aus ferner Höh';
Sie hielt ihn, sie flehte: »O, sag' es nicht!
Ach Scheiden, wie tut es so weh!«

Und die kleinen Blumen, die flüsterten sacht',
Und es rauschte mitleidig der Baum,
Und es ging durch die tauige Sommernacht
Wie ein seliger Liebestraum.

Und als er Liebchen Lebwohl gesagt,
Der Sänger, der liebe Freund,
Da hat die Nachtigall leise geklagt,
Da haben die Blumen geweint.

Johann Meyer



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