Trauerlyrik » weitersagen
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Die Kinder im Schnee
Ein Winterabend still und kalt. -
Drei Kinder wandern durch den Wald.
Sie gingen schon oft den Weg allein -
Heut flimmert der Mond mit irrem Schein.
Der Pfad, der sonst so kurz nach Haus, -
heut mündet er nimmer zum Wald hinaus.
Die kleinen Beinchen schreiten voran.
Da ragt empor der finstre Tann.
Sie laufen zurück und hin und her -
Sie finden im Schnee den Weg nicht mehr.
Es weinen die Kleinsten, wohl irrten sie weit.
Kalt ist die Nacht und Schlafenszeit!
Sieh dort, unter Wurzeln ein trocknes Hohl,
Da bettet das Schwesterchen beide wohl.
Trägt Moos und Laub zu ihrer Ruh
Und deckt mit dem eignen Tüchlein sie zu.
Die Nacht ist kalt, vom Mond erhellt, -
Es funkeln die Sterne am Himmelszelt.
Man hat sie gesucht mit Rufen und Schrein,
Man hat sie gefunden beim Morgenschein.
Die beiden Kleinen, sie schlafen fest,
Aneinandergeschmiegt im warmen Nest.
Den Arm gerafft voll Laub und Moos,
So fand man die andre bewegungslos.
So lag sie im Schnee - die Wangen rot,
Die hatte geküsst der eisige Tod.
Heinrich Seidel (1842-1906)
Ich ging im Wald spazieren
Ich ging im Wald spazieren,
Da fiel ein Stern herab.
Ich täts im Herzen spüren.
Der Stern, der fiel herab.
Und als ich kam zum Wald heraus,
Da stand ich vor der Liebsten Haus;
Und als ich kam zur Kammer herein,
Da lag sie schon im Totenschrein:
Der Stern, der fiel herab.
Rosenmontag
Am Rosenmontag liegen zwei,
die kalten Hände noch verschlungen -
das Leben strömte rau vorbei,
die beiden haben's nicht bezwungen.
Als überwunden grüßen sie
den Sieger, dem das Glück begegnet -
im Tod verbunden, segnen sie
all jene, die das Leben segnet.
Otto Erich Hartleben (1864-1905)
Augentrost
O lass es gern geschehen,
Dass dir dein Auge blind!
Was willst du denn noch sehen,
Altes, betrognes Kind?
Willst du den Lenz erzwingen
Durch buntgefärbtes Glas?
Soll dir noch Blumen bringen
Das längst verwelkte Gras?
Die lichten Regenbogen,
Die Schlösser in der Luft,
Alter! sind fortgezogen,
Du siehst nur eis'gen Duft.
Lenz, Sommer sind geschieden,
Nur Winter siehest du.
Alter! o schließ in Frieden
Die müden Augen zu.
Justinus Kerner (1786-1862)
Sonett an Orpheus I/14
Wir gehen um mit Blume, Weinblatt, Frucht.
Sie sprechen nicht die Sprache nur des Jahres.
Aus Dunkel steigt ein buntes Offenbares
und hat vielleicht den Glanz der Eifersucht
der Toten an sich, die die Erde stärken.
Was wissen wir von ihrem Teil an dem?
Es ist seit lange ihre Art, den Lehm
mit ihrem freien Marke zu durchmärken.
Nun fragt sich nur: tun sie es gern?...
Drängt diese Frucht, ein Werk von schweren Sklaven,
geballt zu uns empor, zu ihren Herrn?
Sind sie die Herrn, die bei den Wurzeln schlafen,
und gönnen uns aus ihren Überflüssen
dies Zwischending aus stummer Kraft und Küssen?
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
O sieh den Morgen
O sieh den Morgen lächelnd sich entschleiern,
O sieh den Turm, wie er von Strahlen glüht.
Horch! Wie dem Ruhm die Freude, zieht
Des jungen Tages ersten Feuern
Entgegen schon der Wälder erstes Lied.
Ja, lächle nur bei all dem Schönen.
Dieselbe Sonne leuchtet deinen Tränen,
Wenn morgen mich der dunkle Sarg verschlingt.
Ob meinem Grabe von denselben Tönen
Erschallt der Wald, davon er heute klingt?
Dann aber wird die Seele selig schweben
Im Grenzenlosen über Raum und Zeit.
Im Morgenrot der Ewigkeit
Wird man erwachen einst vom Leben,
Gleichwie aus wüster Traumgesichte Streit.
Victor Hugo (1802-1885)
(Aus
dem Französischen von Ferdinand Freiligrath.)
Dass nichts Ewigs
Dass nichts Ewigs hier zu hoffen, lehret uns das
schnelle Jahr,
Macht die räuberische Stunde, die den Tag entführet, wahr.
Linder Südwind bricht den Frost, Sommers Glut vertreibt den Maien,
Weicht dem Herbst, der Früchte streut, und bald will es wieder schneien.
Doch der Mond erholt sich wieder, wenn er abgenommen hat;
Wir, wenn wir einmal erreichen unsrer Väter Lagerstatt
Werden nach dem Leibe Staub, sehen diese Welt nicht wieder.
Wer weiß ob uns morgen noch geht die göldne Sonne nieder!
Warum suchst du denn dein Geld so begierig aufzuheben?
Was des Erben Geiz entgeht, bringt dir Dank bei deinem Leben.
Hans Aßmann von Abschatz (1646-1699)
Alter und Winter
Alter und Winter, Herbheit der Natur!
O dass man auch im Kampf der Elemente
Noch duftend wie die Blume sterben könnte!
Doch ach! man stirbt nicht, man vertrocknet nur.
Und so vertrocknet lebt man sich zum Spott,
Hört jahrelang an seiner Bahre zimmern,
Bis endlich fällt saftlos der Leib in Trümmern,
Und wo die Seele hinfährt, weiß nur Gott.
Justinus Kerner (1786-1862)





