Trauerlyrik » weitersagen

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Trauersprüche: Weltlich|Trauersprüche: Religiös|Trauersprüche: Zitate|Trauerlyrik


Abschied für immer

Heute marschieren wir,
Morgen marschieren wir,
Zu dem hohen Thor hinaus,
Ey du wacker schwarzbraun Mägdlein,
Unsre Lieb ist noch nicht aus.

Reist du schon fort?
Reist du denn schon fort?
Kommst du niemals wieder heim?
Und wenn du kommst in ein fremdes Ländchen,
Liebster Schatz vergiß mein nicht.

Trink du ein Gläschen Wein,
Zur Gesundheit mein und dein,
Kauf mir einen Strauß am Huth,
Nimm mein Tüchlein in die Tasche,
Deine Thränlein mit abwasch.

Es kommt die Lerche,
Es kommt der Storch,
Es kommt die Sonne ans Firmament.
In das Kloster will ich gehn,
Weil ich mein Schätzchen nicht mehr thu sehen,
Weil nicht wiederkommt mein Schatz!

»Dorten sind zwey Turteltäubchen,
Sitzen auf dem dürren Ast,
Wo sich zwey Verliebte scheiden,
Da verwelket Laub und Gras,
Was batt mich ein schöner Garten,
Wenn ich nichts darinnen hab,
Was batt mich die schönste Rose,
Wenn ich sie nicht brechen soll,
Was batt mich ein jung frisch Leben,
Wenn ichs nicht der Lieb ergeb?«

Achim von Arnim

Lieder eines Sünders

Meine Seele ist traurig . . .
Warum bist du traurig, meine Seele?

Und sie spricht zu mir:
Vorüber ging ich mit dir
An rauschenden Wassern –
Und die rauschenden Wasser
Umsäumte die Siedlung
Thatfroher Menschen.

Mit der Sonne Emporglühn
Traten hinaus sie
Aus ihrer Hütten
Schmuckloser Enge –
Und tiefeinatmend
Des Morgens Säuselwind,
Und des Tages Lichtstrahl
Mit freudvollem Blicke
Emsig begrüßend,
Gingen sie heiter
Und guter Dinge,
Ruhvoll und kraftreich,
An ihr hartes Schaffen,
Das Schweiß und Schwielen
Gebiert, jedoch auch
Helle Gedanken
Und die Frucht des Frohsinns,
Die unvergleichlich.

Und wiederum ging ich
Mit dir hinauf,
Sprach meine Seele,
Zu Bergesgipfeln.

Und ich ward so heiter
Da mich der Höh'nwind
Weidlich durchlüftet!
Wie dehnt' ich mich doch
Und reckte mich weit
Und sog den Atem
Schrankenloser
Unendlichkeit!

Und Allen, die mir
Entgegentraten,
Lachte das Herz
Aus den hellen Augen,
Daß ich ihnen
Sehnsuchtsbeschwingt
Entgegenhüpfte . . .

Und sie boten
Mir Gruß – und Einer
Lud mich zu rasten –
Lud mich zu bleiben:
»Gelt! Es war' schön doch,
Blieben wir immer
Und ewig zusammen!«

Aber wieder
Riß ich mich los
Und der Vergangenheit
Schmerzensreichem
Mühenschooß,
Der mich gewirket,
Gab ich mich wieder.

O! Unerbittlich
In seiner Zukunft
Ist das Gewesene!

Es fraß sich in mich
Und gebiert sich fort
Und haftet immer!

Nimmer! O nimmer
Lehrt mich des Fischers
Oder des Schiffers
Beengtes Trachten
Grenze und Maaß –
Stürmisch Verachten,
Emsig Vergessen
Alles dessen,
Was ich im Grunde doch – nie besaß!

Nimmer! O nimmer
Lehrt der helläugige
Sohn mich der Berge
Frohe Gemeinschaft,
Einträchtige Spur
Mit der Natur . . .

Den Würzhauch des Wassers
Und den stählenden
Atem des Bergwinds
Muß ich missen . . .

Ich fühlte zu tief –
Und ich dachte zu viel –
Und all mein Wissen,
Mein himmeldurchstürmendes
Feuriges Fühlen,
Das nie sich genug,
Erfüllt den Fluch,
Den es umschooßt,
Und giebt mir zum Ende –
Zum letzten Ende
Als heiteren Trost
Doch nur ein – bitterhartes Sterbekissen.

Und vorher hat es
Mein Leben vergiftet!

So sprach meine Seele.
Und sie trauerte weiter . . .
Und nimmermehr forscht' ich:
Warum bist du so traurig, meine Seele?

Hermann Conradi

In der Trauer

Ein Meister bin ich worden
zu weben Gram und Leid;
ich webe Tag und Nächte
am schweren Trauerkleid.

Ich schlepp' es auf der Straße
mühselig und bestaubt;
ich trag von spitzen Dornen
ein Kränzlein auf dem Haupt.

Die Sonne steht am Himmel,
Sie sieht es und sie lacht:
Was geht da für ein Zwerglein
in einer Königstracht?

Ich lege Kron' und Mantel
beschämt am Wege hin
und muß nun ohne Trauer
und ohne Freuden ziehn!

Gottfried Keller

Trübe seele - so fragtest du - was trägst du trauer...

Trübe Seele - so fragtest du - was trägst du Trauer?
Ist dies für unser großes Glück dein dank?
Schwache Seele - so sagt ich dir - schon ist in Trauer
Dies glück verkehrt und macht mich sterbenskrank.

Bleiche Seele - so fragtest du - dann losch die Flamme
Auf ewig dir die göttlich in uns brennt?
Blinde Seele - so sagt ich dir - ich bin voll Flamme:

Mein ganzer Schmerz ist Sehnsucht nur die brennt.

Harte Seele - so fragtest du - ist mehr zu geben
Als Jugend gibt? ich gab mein ganzes Gut.
Und kann von höherem Wunsch ein Busen beben
Als diesem: nimm zu deinem Heil mein Blut!

Leichte Seele - so sagt ich dir - was ist dir lieben!
Ein Schatten kaum von dem was ich dir bot..
Dunkle Seele - so sagtest du - ich muss dich lieben
Ist auch durch dich mein schöner Traum nun tot.

Stefan George

Trompeten

Unter verschnittenen Weiden, wo braune Kinder spielen
Und Blätter treiben, tönen Trompeten. Ein Kirchhofsschauer.
Fahnen von Scharlach stürzen durch des Ahorns Trauer,
Reiter entlang an Roggenfeldern, leeren Mühlen.

Oder Hirten singen nachts und Hirsche treten
In den Kreis ihrer Feuer, des Hains uralte Trauer,
Tanzende heben sich von einer schwarzen Mauer;
Fahnen von Scharlach, Lachen, Wahnsinn, Trompeten.

Georg Trakl

Wittwentrauer

Clorinde trau'rt um ihren Mann,
Den sie in Wort und Werk – sie schwört es – nie betrogen;
Sie hat ein zierlich Trau'rkleid an,
Ihr Zimmer ist mit Boy bis auf den Grund bezogen,
Schwarz ist die Deck' auf ihrem Bett';
Briefträger, Kuppler, Knecht, Magd, Kutscher, Pferd und Wagen,
Sie alle müssen Trauer tragen:
Es scheint, als ob sie Freud' an ihrer Trauer hätt'.

Christian Wernicke

Die Romanze der Blume.

Rankend sich an deinen Busen
Zart hinan, den Duft dir hauchend,
Dir, der schönern Schwester Blume,
Durst' ich eine Blume schauen.

Und ich wagte, sie verwegen
Aus dem heil'gen Ort zu rauben,
Dass ein Kleinod sie mir werde,
Teuer, wie das Licht dem Auge.

Wie sich der Karfunkel zündet
In der Nacht geheimem Grauen,
Sollte blühend sie erfunkeln
Trost dem gramumwölkten Haupte.

Aber die das Haupt gesenket
Und der Düfte Gold verhauchet,
Sang der Trauer meiner Seele
Worte nur der eignen Trauer:

Warum, warum mich entreißen
Meiner heimlich reichen Klause,
Dass verarmend ich ersterbe

Im glutlosen, weiten Raume?

Drückest Sänger, an dein Herz mich,
Willst den leisen Klagen lauschen, –
Ach, du kennst nicht meine Trauer,
Nicht das Glück, das mich berauschte!

Den in ihrem holden Busen

Sie getragen, ach, mit Schaudern
Muss, dem Himmel er entnommen,
In die Nachtflut nieder tauchen.

Adelbert von Chamisso

Verschiedene Trauer

Ein Mädchen kniet an einem Leichenstein
Und pflanzt daneben ein Pappel ein:
»Streb’ auf zum Aether, schlanker Baum,
Auch Er flog auf zum Sternenraum.
Wie meine Hände zum Gebet,
Sei aufwärts jeder Zweig gedreht;
Wie meine Augen sternenwärts spähen,
Soll jedes Blatt nach oben sehen.
Zu ihm, zu ihm! Empor, empor!
Rausch’ es aus deinem Laub hervor!
So, Pappel, auf des Grabes Höhen
Sollst, meiner Trauer Bild du stehen.«

Ein Jüngling kniet an einem Leichenstein
Und pflanzt daneben eine Weide ein:
»Streb’ erdenwärts, du Thränenbaum,
Auch Sie sank in der Erde Raum;
Wie meine Zähre auf dieß Grab,
So schüttle deinen Thau herab;
Wie meine Arme abwärts ringen
Und gern den kalten Sarg umfingen,
Ihr Zweige, so umschlingt dieß Grab.
Zu ihr, zu ihr! Hinab, hinab!
So, Weide, auf des Grabes Höhen
Sollst, meiner Trauer Bild, du stehen.«

Anastasius Grün

Der du frei von Schmerz und Trauer...

Der du frei von Schmerz und Trauer
In die Welt gewandert bist,
Glaub', daß in der Trennung Dauer
Nie das Scheiden sich vergißt.

Magst du schön're Lande schauen,
Über alles halte wert
Deines Mutterlandes Gauen,
Deiner Väter schlichten Herd.

Ist dir noch ein Herz verblieben,
Das um deinen Abschied weint,
Fühle fester nur im Leben
Mit der Heimat dich vereint!

Sei es, daß, was du besessen,
Dir ein feindlich Schicksal nahm,
Zu bekannten Grabcypressen
Leite dich dein stiller Gram!

Ewig trage sonder Wanken
Deinen Lieblingsort im Sinn,
Daß du stündlich in Gedanken
Als ein Pilger wallest hin!

Und wenn alles dich betrogen,
Wenn dich Glück und Stern verläßt.
Wenn die Treue dir gelogen, –
An der Heimat halte fest!

Max Kalbeck

Trauer

Traurig, traurig, o das bist du sehr,
Armes Herz, so freudenlos und schwer!
Doch warum, warum darf ich nicht fragen,
Keine Antwort weißt du mir zu sagen.

Weiß der Himmel, warum über ihn
Düstre Wolkenschleier trauernd zieh'n,
Und die Blume, die erst aufgesprossen,
Warum sie der Tod so schnell geschlossen?

Weiß der lächelnd heit're, junge Tag,
Der nur Glück und Freude spenden mag,
Warum kraftlos er muß still erbleichen,
Wenn sich nächt'ge Schatten auf ihn neigen?

Weiß die Erde, die in Frühlingspracht,
Wie ein Kind so hold und lieblich lacht,
Warum bald in Winters eis'gem Wehen
Ihre süße Schönheit muß vergehen?

Armes Herz und willst du mehr denn sein,
Als der Frühling und der Sonnenschein?
Alles Heitre sinkt zum frühen Sterben,
Allem Schönen nahet das Verderben.

Ew'ge Trauer ist Gesetz der Welt,
Nur im Wechsel ist ihr Lust gesellt,
Und je mehr zum Schönen du erkoren,
Um so tiefer wird sie dich durchbohren!

Marie Luise Büchner

Kommt, es ist alles bereit

Ihr Mühsel’gen und Beladnen
Machet eure Seelen still,
Denn ihr seid ja die Geladnen,
Die der Herr erquicken will.

Komm, Tobias, Mann der Trauer,
Mit erloschnem Augenstern,
Deine Nacht ist nicht von Dauer,
Denn dein Licht geht auf im Herrn.

Hiob, von den Trauerboten
Wird dir keiner wieder nahn,
Denn für dich und deine Toten
Brach ein Tag der Freuden kann.

Lazarus, krank und voll Kummer,
Weltvergessen, nackt und bloß:
Komm, dir winkt zu süßem Schlummer
Deines Samariters Schoß.

Zöllner, den die Reue quälet,
Heb‘ den trüben Blick empor,
Denn schon hat sich beigezählet
Christus der Gerechten Chor.

Simeon, wohlauf zu loben
Ihn, den deine Augen sahn;
Der vom Himmel kam, hat droben
Dir die Pforten aufgetan.

Kommt, o komm, denn für euch alle
Ist die Zeit der Trauer um,
Durch die Welt mit Jubelschalle
Tönt das Evangelium.

Julius Sturm

Mein Dämon

Mein Dämon hat keine Brüder und Schwestern.
Mein Dämon ist nicht von heute und gestern.
Als Gott, der Herr, die Welten machte,
Saß mein Dämon dabei im Grase und lachte,
Schnitt sich die Zehennägel entzwei
Und sah an der ganzen Welt vorbei.

Hugo Ball

Komm heraus, o Herr

Komm heraus, o Herr, komm heraus, o Herr,
Und tanz mit meiner Seel.
Sie ist so rein und wohlgebaut.
Du hast sie auch schon angeschaut,
Drum ist sie ohne Fehl.

Stehe auf, o Herr, stehe auf, o Herr.
Und führe mich zum Tanz.
Durch die Lichterflut
Über Grab und Schutt.
O, du überirdischer Glanz!

Komm herab, o Herr, komm herab, o Herr,
Wir sehnen uns nach dir.
Das Herze überzückt sich fast.
Dein Wirbel hat uns angefaßt.
Nun sind wir nicht mehr hier.

Der Ohnmacht nah, wie wunderbar
Ruht sichs in deinem Arm.
Kein schlechter Mensch dringt bis hierher.
Keine Nacht und Kält und Hunger mehr.
Hier ist uns wohl und warm.

Wie du fröhlich bist, Herr Jesus Christ,
Du süßer Bräutigam!
Über Nacht und Tag, wer′s fassen mag,
Wer′s lassen oder hassen mag,
Die Seele zu dir kam.

Wie du löblich bist und erheblich bist,
Das ist ein himmlisch Spiel.
Wie du groß und stark und gewaltig bist.
Wie du licht- sind feuergestaltig bist,
Das sag ich nicht zuviel.

Laß nach, o Herr, laß nach, o Herr,
Mir schwindet Sinn um Sinn.
Meine Schulter hat sich müd gewiegt.
Ich weiß nicht, was mich so beglückt,
Ob ich tot oder lebend bin.

Hugo Ball

Abendsegen

Der Tag hat seinen Schmuck auf heute weggethan,
Es ziehet nun die Nacht die braunen Kleider an;
Und deckt die Welt in angenehmer Ruh
Mit ihren Schatten zu.

Wohlan ich suche nun auch meine Lagerstadt,
Worauf der müde Leib sich zu erquicken hat;
Und wo der Geist geruhig und vergnügt
In süßer Stille liegt.

Ein gut Gewissen wird mein Abendsegen seyn,
Die Unschuld machet mich von aller Falschheit rein,
Mein Herz ist treu, wer anders von mir spricht.
Der kennet mich noch nicht.

So kleide dich nun aus, mein ungebundner Sinn,
Durch dich leg ich vergnügt die Sorgenkleider hin;
Die Brust ist frey, die Kummer und Verdruß
Bei andern quälen muß.

Ein froh Gemüthe soll mein saubres Nachtzeug seyn,
In solchen schlaf ich sanft und ohne Schwermuth ein;
Und machte mir auch was Melancholey,
So schwebt sie doch vorbey.

Der Himmel wacht bei mir, sein Auge das mich kennt,
Muß mir die Lampe seyn, die mir zum Troste brennt;
Und weil das Oel der Gnade nie gebricht,
Ach so verlöscht sie nicht.

Die süßre Hoffnung ist auf meinen Dienst bereit,
Die lauter Rosen mir zum Ruhebette streut;
Und die Geduld deckt mich mit Myrthen zu,
So schön ist meine Ruh.

Zum Schlafgesellen nehm ich die Vergnügung an,
Die drück ich an mein Herz, so fest ich immer kann,
Man schläft, wenn so ein Schaz in Armen liegt,
Unmöglich mißvergnügt.

Und treibt ihr Träume ja ein Sinnenspiel mit mir,
So stellt in süßer Ruh mir meine Freundinn für;
Vielleicht wird das, was jetzt ein Schatten ist,
Noch in der That geküßt.

Nun dir befehl ich mich, du angenehme Nacht,
Und wenn das Morgengold am frühen Himmel lacht,
So werde doch dem Herzen das geschenkt,
Worauf es schlafend denkt.

Achim von Arnim

Abendreihen

(Lobwasser der luth. Rotenburg an der Tauber 1618. S. 377.)
Wie steht ihr allhie und wartet mein,
Und meint, ich soll eure Vorsingerin seyn,
Soll ich denn nun singen, so höret mir zu,
Im Gesetz ist weder Rast noch Ruh.

Das Gesetz richtet nichts denn Zoren an,
Und kein Mensch lebet, der es halten kann,
Nun muß es dennoch erfüllet seyn,
Darum schickt Gott seinen Sohn herein.

Derselbig ist worden unser Schild,
Er hat des Vaters großen Zorn gestillt,
Denn er hat dem Gesetz genug gethan,
Für jedermann, der nur glauben kann.

Es hat ihn kostet sein rosenfarbig Blut,
Am Kreutz trug er alles uns zu gut,
Des saget Lob und Dank in Ewigkeit,
Daß er uns behüt vor allem Leid. Amen.

Achim von Arnim

Abendgebet

Abends wenn ich schlafen geh,
Vierzehn Engel bei mir stehn,
Zwey zu meiner Rechten,
Zwey zu meiner Linken,
Zwey zu meinen Häupten,
Zwey zu meinen Füssen,
Zwey die mich decken,
Zwey die mich wecken,
Zwey die mich weisen
In das himmlische Paradeischen.

Achim von Arnim

Meine Gottheit bist du in Ewigkeit

O Anna glaub', ich lieb' nur dich,
Nur dich sucht meine Seele,
Du bist der Schönheit Stern für mich:
Ganz Licht, ganz ohne Fehle.
Dein Wort mein dürstend Herz nur füllt,
Dein Glück hellt meine Nacht –
Kämpf' ich auch jetzt nebelumhüllt:
Als Sieger end' ich die Schlacht.
Als Sieger kehr' ich zu dir mein Kind,
Meiner Tage Sehnsucht und Traum,
Dein Odem umweht mich friedenslind,
Daß ich fern je – weiß ich kaum.
An deiner Brust stirbt der Dämon Schmerz ...
O holde Mährchenstund!
Immer wieder küss' ich, du einziges Herz,
Deinen vielsüßen Kindermund.
Ich frage dich nicht; ich weiß es genau:
Mein ist dein reiches Gemüth,
Mein der seligleuchtende Frühlingsthau,
Der deinen Augen entsprüht.
Mein bist du; mein, o Seligkeit!
Einzigmein in Lust und Graus!
Meine Gottheit bist du in Ewigkeit!
Und stirbst du – dann Sonne lisch' aus.

Wilhelm Arent

Der Gottheit hoher Tempel ist zerstöret...

Der Gottheit hoher Tempel ist zerstöret
Es ründen an der heilgen Kuppel sich die Töne
Nicht mehr in schöne Worte des Gebetes,
Und teilen sich im Takte an den Säulen
Die in der Krone leichte Melodien
In lieblicher Verirrung schöner Locken
Auf ihre ernsten hohen Stirnen wallen.
Zertrümmert ist das herrliche Gebäude
Und mit dem Echo ist das Wort gestorben.
Vom weiten Himmel hallt kein Lied zurücke.
Denn schrecklich ist die Macht des großen Lebens
Und unermeßlich ist es hier zu beten.

Clemens Brentano

Die Erde war gestorben...

Die Erde war gestorben
Ich lebte ganz allein,
Die Sonne war verdorben,
Zwei Augen gaben Schein,

Da bot sie mir zu trinken
Und blickte mich nicht an,
Sie ließ die Augen sinken,
Es war um mich getan.

Reg Frühling nur die Schwingen
Sehn nur, du Erde, dich,
Ich kann nichts anders singen,
Als, Jesus schau auf mich.

Clemens Brentano

Es ist keiner je allein

Es ist keiner je allein,
Wär auch Erd und Himmel Stein,
Schien kein Mond, kein Sternenschein,
Grüßte auch kein Lüftelein,
Sänge auch kein Vögelein:
Kehrt in jedem Herzen rein
Doch der liebe Gott stets ein.

Clemens Brentano

Es sang vor langen Jahren...

Es sang vor langen Jahren
Wohl auch die Nachtigall,
Das war wohl süßer Schall
Da wir zusammen waren

Ich sing und kann nicht weinen
Und spinne so allein,
Den Faden klar und rein
So lang der Mond wird scheinen

Da wir zusammen waren
Sang süß die Nachtigall
Nun mahnet mich ihr Schall
Daß du von mir gefahren

So oft der Mond mag scheinen,
Gedenk ich dein allein,
Mein Herz ist klar und rein,
Gott wolle uns vereinen

Seit du von mir gefahren
Singt stets die Nachtigall
Ich denk bei ihrem Schall
Wie wir zusammen waren

Gott wolle uns vereinen,
Hier spinn ich so allein,
Der Mond scheint klar und rein,
Ich sing und möchte weinen.

Clemens Brentano

In dem Lichte wohnt das Hell...

In dem Lichte wohnt das Hell,
Doch der Pfad ist uns verloren
Oder unerklimmbar steil,
Wenn wir außer uns ihn steigen
Werden wir am Abgrund schwindeln
Aber in uns selbst, da zeigen
Klar und rein die Pfade sich
Glauben, Hoffen, Lieben, Schweigen,
Laß uns diese Pfade steigen,
Daß wir nicht am Abgrund schwindeln.
Wollte Gott herab sich neigen
Und uns seine Hände reichen,
Sieh den Gottessohn in Windeln!

Clemens Brentano

Ist des Lebens Band mit Schmerz gelöset

Ist des Lebens Band mit Schmerz gelöset,
Liegt der Körper ohne Blick, ohn Leben,
Fremde Liebe weint, und er geneset.
Seine Liebe muß zum Himmel schweben,
Von dem trägen Leibe keusch entblößet,
Kann zu Gott der Engel sie erheben.
Und er hält sie mit dem Arm umfasset,
Schwebet höher, bis das Grab erblasset.

Ist er durchs Vergängliche gedrungen,
Kehrt die Seele in die Ewigkeit,
Oh, so ist dem Tod genug gelungen,
Und er stürzet rückwärts in die Zeit.
Um die Seele bleibet Wonn geschlungen,
Alles gibt sich ihr, die alles beut,
Wird zum ewgen Geben und Empfangen,
Kann des Wechsels Ende nie erlangen!

Clemens Brentano

Jäger und Hirt

Durch den Wald mit raschen Schritten
Trage ich die Laute hin,
Liebe singt, was Leid gelitten,
Schweres Herz hat leichten Sinn.

Durch die Büsche muß ich dringen
Nieder zu dem Felsenborn,
Und es schlingen sich mit Klingen
Durch die Saiten Ros′ und Dorn.

In der Wildnis wild Gewässer
Breche ich mir kühne Bahn,
Steig ich aufwärts in die Schlösser,
Schaun sie mich befreundet an.

Haus ich nächtlich in Kapellen,
Stört sich kein Gespenst an mir,
Weil sich Wandrer gern gesellen,
Denn auch ich bin nicht von hier.

Seh ich Zauberschätze glimmen,
Locket bald durch Sumpf und Moor
Mich der Irrwisch hin und stimmen
Muß mein Lautenschlag dem Chor.

Zu der Gnomen Hochzeitfeier,
Zu der Elfen luftgem Tanz
Tönet meine ernste Leier
Unerschreckt im Mondenglanz.

In dem Schoß der Wunderberge
In der Zauberfräulein Haus
Führen mich die schlauen Zwerge
Und ich singe ohne Graus.

Geister reichen mir den Becher,
Reichen mir die kalte Hand,
Denn ich bin ein kühner Zecher,
Scheue nicht den glühen Rand.

Ja beim Mahl zur bösen Stunde
Leert den Becher ich mit Faust,
Wo berührt vom Satansmunde
Höllenglut im Weine braust.

Alles ist mir schon geschehen,
Meine Schale ist erfüllt,
Seit ich selber mich gesehen,
Hab das Antlitz ich verhüllt.

Zu der Mainacht Hexenreihen
Spiel ich nun ein geistlich Lied,
Daß die Schar mit Maledeien
Vor dem fremden Sänger flieht.

In Frau Venus Berg die Leier
Hab mit Keuschlamm ich geschmückt
Und sie hat mich ohne Schleier
An die volle Lust gedrückt.

Doch sie konnte mich nicht rühren,
Sie verging in frommer Scham,
Ließ sich leicht von mir verführen,
Daß sie einen Schleier nahm.

Die Sirene in den Wogen,
Hätt sie mich im Wasserschloß,
Gäbe, den sie hingezogen,
Gern den Fischer wieder los.

Wo der Schwan im Wellenspiegel
In sein Sternbild niedertaucht,
Bricht der Schmerz auch mir das Siegel,
Daß mein Leid im Liede haucht.

Meinen weißen Hirsch verloren
Hab ich mit dem Goldgeweih;
Die in ihm war eingeboren
Starb mit ihm die schöne Fei.

Weh, mich hatte die Meduse
Mit dem Schlangenblick versteint,
Und seitdem hat meine Muse
Nicht gelachet, nicht geweint.

Doch mit scharfen Wünschelruten
Schlug ihr Amor ins Gesicht,
Daß ihr aus in Tränenfluten
Die versteinte Seele bricht.

Bittre Meere um mich rannen,
Und wie auch die Phantasie
Mochte bunte Segel spannen,
Nie ach nie, erschafft ich sie!

Und nun kehre ich von Thule,
Fand da auf des Meeres Grund
Einen Becher, meine Buhle
Trinkt sich nur aus ihm gesund.

Füllet euch ihr ewigen Tage,
Mond und Sonne steigt und sinkt,
Dürstend ich den Becher trage,
Und sie fehlt, die aus ihm trinkt.

Suchend geh ich durchs Gedränge
Und die Schuldner mahnen mich,
Und ich singe viel Gesänge,
Doch im Herzen weine ich.

Wo die Schätze sind begraben
Weiß ich wohl, Geduld, Geduld,
Einer schwebt am Kreuz erhaben,
Der bezahlet meine Schuld.

Während ich dies Lied gesungen
Nahet sich des Waldes Rand,
Aus des Laubes Dämmerungen
Trete ich ins offne Land.

Aus der Eichen zu den Myrten,
Aus der Laube in das Zelt,
Hat der Jäger sich dem Hirten,
Flöte sich dem Horn gesellt.

Während du die Lämmer hütest,
Zähm ich dir des Wolfes Wut,
Wenn du fromm die Hände bietest
Werd ich deines Herdes Glut.

Und willst du die Arme schlingen
Um ein Liebchen zwei und zwei,
Will ich dir den Baum schon zwingen,
Daß er eine Laube sei.

Du kannst Kränze schlingen, singen,
Schnitzen, spitzen Pfeile süß,
Ich kann ringen, klingen, schwingen,
Schlank und blank den Jägerspieß.

Gib die Pfeile, nimm den Bogen,
Mir ist′s Ernst und dir ist′s Scherz,
Hab die Sehne ich gezogen,
Du gezielt, dann trifft′s ins Herz.

Wild getan, wie stolz gesprochen,
Weh der Pfeil flog seine Bahn,
Hat des Lammes Herz durchstochen,
Drohend sah der Hirt mich an.

Dorn ward da die Rosenkrone
Um sein göttlich mildes Haupt,
Vater! rief er, ihn verschone,
Denn er hat an mich geglaubt.

Clemens Brentano

O lieber Gott, so mild und lind...

O lieber Gott, so mild und lind,
Du schließest mit Erbarmen
Die Kinder all, die Waisen sind,
In deine Vaterarmen.

Siehst nieder in der stillen Nacht
Mit tausend kleinen Sternen,
Und wo dein freundlich Auge wacht,
Muß sich der Feind entfernen.

Drum fasse Mut, du Menschenkind,
Verlier dich nicht im Dunkeln,
Die Lichter ja am Himmel sind
Um tröstlich dir zu funkeln.

Clemens Brentano

O wie so oft ...

O wie so oft
Hab ich ein Zeichen erhofft,
Zogen Sterne den schimmernden Bogen
Durch die himmlische Leere
Durch die himmlische Tiefe,
Dass ich der irdischen Schwere
Endlich auf immer entschliefe,
Aber der Morgen
Löschte die Sterne aus,
Weckte die Sorgen,
Weckte des Herzens Haus,
Und des Alltäglichen Macht
Zwang die Ahndung der Nacht.

O wie so viel
Nahte der Sehnsucht das Ziel
Sanken dürstende müde Gedanken
Hin an brennender Schwelle
Selig kühlender Ferne,
Ach da stürzte zum Herzen die Welle
Und das lachende Licht in die finsteren Sterne,
Aber die Ebbe
Kehrte, die Flut wich,
Heißer die Steppe
Umgürtet mit Glut mich,
Und den brennenden Pfeil
Mahnte das fliehende Ziel zur Eil.

O wie so tief
Oft aus den Wogen mich ′s rief!
Fielen um nach den Sternen zu zielen
Tränen zu spiegelnden Seen
Die zwischen blumigen Wiesen,
Augen der Erde, aufsehen,
Himmlische Kinder zu grüßen.
Aber die Fläche
Ringelt, das Bild bricht,
Bittere Bäche
Rinnet so wild nicht!
Freudig ja springet ein Fisch,
Und ich mord ihn, decke den Tisch.

O wie so rein
Wächst in der Schönheit der Schein,
Scheinet sie aus der Einfalt und einet
Recht in der lauteren Klarheit
Strahlen der himmlischen Güte
Zum sehenden sichtbaren Auge der Wahrheit,
Das schaffet und selbst ist die Frucht und die Blüte
Aber die Dichter
Machen die Glieder zum Leibe gern
Schneiden Gesichter
In einen Kirschenkern
Traurig und lachend, o gebe
Lieber der Erde ihn, dass er lebe

Blütenvoll
Früchtevoll
Dir und den Deinen himmlischen Segen

Gebe
Auf irdischen Wegen.

Clemens Brentano

Unstet in meinen Schritten

Unstet in meinen Schritten,
Herr, hab ich oft gefehlt,
Du hast durch mich gelitten,
Ach! Wunden ungezählt.

Laß mich nicht lang mehr wallen,
Führ mich an deiner Hand,
Wo ich nicht mehr kann fallen,
Heim in dein Vaterland.

Laß nicht mein Herz erkalten,
Herr Jesu! du allein
Mach Wesen aus Gestalten,
Und führ den Schein ins Sein.

Es bleichten meine Tränen
Den Schleier nimmer rein,
Herr, schenke meinem Sehnen
Der Gnade Sonnenschein.

Herr, werfe mir herüber
Ein Blatt aus deinem Kranz,
Geschmückt darf ich hinüber
Dann in der Bräute Glanz.

Clemens Brentano

Weihelied zum Ziel und Ende

Herr, Gott, dich will ich preisen,
Solang mein Odem weht,
O hör auf meine Weisen,
O sieh auf mein Gebet.
Bin ich im Himmel oben,
Da lern ich andern Sang,
Da will ich hoch dich loben
Mein ewig Leben lang.

Jetzt laß dir wohlgefallen
Mein treu einfältig Lied
Muß doch ein Kindlein lallen,
Wenn es die Mutter sieht.
Nun hab ich auch gesehen,
Wie du so väterlich,
Will nun nichts mehr verstehen
Als dich, mein Vater, dich.

Ich saß in meiner Kammer,
Sah trüb ins Leben hin,
Die Seele rang in Jammer,
Voll Sorge war mein Sinn;
Da floß ein heilig Sehnen
Mir in das öde Herz,
Da brach mein Blick in Tränen
Und schaute himmelwärts.

Da war dein Himmel offen,
Stern traf in Augenstern,
Mein Glauben, Lieben, Hoffen
Fand Gnade vor dem Herrn.
Das Lied, das ich verschwiegen,
Das Lied, das leis ich sang,
Sah ich die Engel wiegen
In Davids Harfenklang.

Und sah, den ich gerühret
Mit meinem Lerchensang,
Zum Herrn von mir geführet
Auf einem Dornengang.
Er sang mit mir zusammen
Mit selgem Flug und Fall,
In Gottes Liebesflammen,
Trotz Lerch, trotz Nachtigall!

Clemens Brentano

Weil meine Lieb′ zum Grab gegangen...

Weil meine Lieb′ zum Grab gegangen,
Und in den starren Blick gesehn,
Und an dem stummen Mund gehangen,
Muß neu mein Schmerz heut auferstehn.

Im Osten hat mir′s trüb getaget
Das freudige, das neue Licht;
Die lange Nacht lag ich verzaget,
Dein Abschiedswort verstand ich nicht.

Ein Wehelaut, du Herz der Güte,
Zwei Augen, die mich angeschaut,
Doch was drin flehte, was drin glühte,
Das ward mir Armen nicht vertraut.

Du fühltest wie so krank ich scheide,
Du edles, mitleidtrunknes Herz,
Und gabst erbarmend zum Geleite
Den Ton, den Blick, den eignen Schmerz.

Den Blick sah ich wohl vor mir stehen,
Die lange bang durchweinte Nacht,
Bis ich durch deines Wehlauts Flehen
Aus schönem Schlummer früh erwacht.

Da ist dein Schmerz mich wecken kommen,
Er legte mir aufs Herz die Hand,
Und sprach, du krankes Herz willkommen,
Weil heut der Heiland auferstand.

Willkomm, o Schmerz, so sprach ich wieder,
Mein Herz ist schwer, das Grab ist leer,
Und heiße Tränen sandt ich nieder,
Daß Tau auch in dem Garten wär.

Du zeihtest mich, daß viele Freuden
Mit andern ich nicht teilen kann,
So gib mir Leiden, Leiden, Leiden,
So nimm mein Herz zum Mitleid an.

Die Tränen, die so stürzend fließen,
Sind nicht auf Felsen aufgesät,
Ich weiß, daß Blumen daraus sprießen,
Und daß mein Lieben aufersteht.

Ja aufersteht mit allen Wunden
Nach langen Qualen lichtverklärt,
Wenn alles wieder ist verbunden,
Was zu dem Leib des Herrn gehört.

Jetzt da ich hin zum Garten irre,
Und in die Felsentale seh,
Da sproßt mein Schmerz wie bittre Myrrhe,
Da wird mein Herz wie Aloe.

Blind tapp ich an den Felsenwänden
Und streue auf dem Grabe aus,
Den ich gepflückt von linden Händen,
Den schmerzenvollen Blumenstrauß.

Komm mit, komm mit, schenk eine Träne,
Den Ton, den Blick, zur Spezerei,
Und grüße mit der Magdalene
Den Herrn durch einen Jubelschrei.
Alleluja!

Clemens Brentano

Wenn der Sturm das Meer umschlinget...

Wenn der Sturm das Meer umschlinget,
Schwarze Locken ihn umhüllen,
Beut sich kämpfend seinem Willen
Die allmächtge Braut und ringet,

Küsset ihn mit wilden Wellen,
Blitze blicken seine Augen,
Donner seine Seufzer hauchen,
Und das Schifflein muß zerschellen.

Wenn die Liebe aus den Sternen
Niederblicket auf die Erde,
Und dein Liebstes Lieb begehrte,
Muß dein Liebstes sich entfernen.

Denn der Tod kömmt still gegangen,
Küsset sie mit Geisterküssen,
Ihre Augen dir sich schließen,
Sind im Himmel aufgegangen.

Rufe, daß die Felsen beben,
Weine tausend bittre Zähren,
Ach, sie wird dich nie erhören,
Nimmermehr dir Antwort geben.

Frühling darf nur leise hauchen,
Stille Tränen niedertauen,
Komme, willst dein Lieb′ du schauen,
Blumen öffnen dir die Augen.

In des Baumes dichten Rinden,
In der Blumen Kelch versunken,
Schlummern helle Lebensfunken,
Werden bald den Wald entzünden.

In uns selbst sind wir verloren,
Bange Fesseln uns beengen,
Schloß und Riegel muß zersprengen,
Nur im Tode wird geboren.

In der Nächte Finsternissen
Muß der junge Tag ertrinken,
Abend muß herniedersinken,
Soll der Morgen dich begrüßen.

Wer rufet in die stumme Nacht?
Wer kann mit Geistern sprechen?
Wer steiget in den dunkeln Schacht,
Des Lichtes Blum′ zu brechen?
Kein Licht scheint aus der tiefen Gruft,
Kein Ton aus stillen Nächten ruft.

An Ufers Ferne wallt ein Licht,
Du möchtest jenseits landen;
Doch fasse Mut, verzage nicht,
Du mußt erst diesseits stranden.
Schau still hinab, in Todes Schoß
Blüht jedes Ziel, fällt dir dein Los.

So breche dann, du tote Wand,
Hinab mit allen Binden;
Ein Zweig erblühe meiner Hand,
Den Frieden zu verkünden.
Ich will kein Einzelner mehr sein,
Ich bin der Welt, die Welt ist mein.

Vergangen sei vergangen,
Und Zukunft ewig fern;
In Gegenwart gefangen
Verweilt die Liebe gern,

Und reicht nach allen Seiten
Die ewgen Arme hin,
Mein Dasein zu erweiten,
Bis ich unendlich bin.

So tausendfach gestaltet,
Erblüh ich überall,
Und meine Tugend waltet
Auf Berges Höh, im Tal.

Mein Wort hallt von den Klippen,
Mein Lied vom Himmel weht;
Es flüstern tausend Lippen
Im Haine mein Gebet.

Ich habe allem Leben
Mit jedem Abendrot
Den Abschiedskuß gegeben,
Und jeder Schlaf ist Tod.

Es sinkt der Morgen nieder,
Mit Fittichen so lind,
Weckt mich die Liebe wieder,
Ein neugeboren Kind.

Und wenn ich einsam weine,
Und wenn das Herz mir bricht,
So sieh im Sonnenscheine
Mein lächelnd Angesicht.

Muß ich am Stabe wanken,
Schwebt Winter um mein Haupt,
Wird nie doch dem Gedanken
Die Glut und Eil geraubt.

Ich sinke ewig unter,
Und steige ewig auf,
Und blühe stets gesunder
Aus Liebes-Schoß herauf.

Das Leben nie verschwindet,
Mit Liebesflamm′ und Licht
Hat Gott sich selbst entzündet
In der Natur Gedicht.

Das Licht hat mich durchdrungen,
Und reißet mich hervor;
Mit tausend Flammenzungen
Glüh ich zur Glut empor.

So kann ich nimmer sterben,
Kann nimmer mir entgehn;
Denn um mich zu verderben,
Müßt Gott selbst untergehn.

Clemens Brentano

Wenn es stürmet auf den Wogen...

Wenn es stürmet auf den Wogen,
Sitzt die Schifferin zu Haus,
Doch ihr Herz ist hingezogen
Auf die weite See hinaus,

Bei jeder Welle, die brandet
Schäumend an Ufers Rand,
Denkt sie, er strandet, er strandet, er strandet,
Er kehret mir nimmer zum Land.

Bei des Donners wildem Toben
Sitzt die Schäferin zu Haus,
Doch ihr Herz, das schwebet oben
In des Wetters wildem Saus.

Bei jedem Strahle, der klirrte
Schmetternd durch Donners Groll,
Denkt sie, mein Hirte, mein Hirte, mein Hirte
Mir nimmermehr kehren soll.

Wenn es in dem Abgrund bebet,
Sitzt des Bergmanns Weib zu Haus,
Doch ihr treues Herz, das schwebet
In des Schachtes dunklem Graus.

Bei jedem Stoße, der rüttet
Hallend im dunkelem Schacht,
Denkt sie, verschüttet, verschüttet, verschüttet
Ist mein Knapp in der Erde Nacht.

Wenn die Feldschlacht tost und klirret,
Sitzt des Kriegers Weib zu Haus,
Doch ihr banges Herz, das irret
In des Kampfes wilden Strauß.

Bei jedem Knall, jedem Hallen
Der Stücke an Bergeswand
Denkt sie gefallen, gefallen, gefallen
Ist mein Held nun fürs Vaterland.

Aber fern schon über die Berge,
Zogen die Wetter, der Donner verhallt,
Horch wie die jubelnde, trunkene Lerche,
Tireli, Tireli, siegreich erschallt.

Raben zieht weiter!
Himmel wird heiter,
Dringe mir, dringe mir,
Sonne hervor!

Jubelnde Lerche,
Über die Berge,
Singe mir, singe mir,
Wonne ins Ohr.

Mit Zipreß und Lorbeer kränzet
Sieg das freudig ernste Haupt,
Herr! wenn er mir niederglänzet
Mit dem Trauergrün umlaubt!

Dann sternlose Nacht sei willkommen,
Der Herr hat gegeben den Stern,
Der Herr hat genommen, genommen, genommen,
Gelobt sei der Wille des Herrn!

Clemens Brentano

Wer ist ärmer als ein Kind...

Wer ist ärmer als ein Kind,
An dem Scheideweg geboren,
Heut geblendet, morgen blind,
Ohne Führer geht′s verloren,
Wer ist ärmer, als ein Kind.
Wer dies einmal je empfunden,
Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

Welch Geheimnis ist ein Kind,
Gott ist auch ein Kind gewesen,
Weil wir Gottes Kinder sind,
Kam ein Kind uns zu erlösen.
Welch Geheimnis ist ein Kind.
Wer dies einmal etc.

O wie dankbar ist ein Kind,
Pflege ich die zarte Pflanze,
Schütz ich sie vor Sturm und Wind,
Wird′s ein Schmuck im Himmelsglanze,
O wie dankbar ist ein Kind.
Wer dies einmal etc.

Die im Himmel waren Kind,
Die auch, die der Fluch getroffen,
Ach, so such ein Kind geschwind,
Lehr es glauben, lieben, hoffen,
Die im Himmel waren Kind.
Wer dies einmal etc.

Welch ein Bote ist ein Kind,
Jedes Wort, das es erquicket,
Bis zum Himmelsgarten rinnt,
Wo das Wort war ausgeschicket,
Welch ein Bote ist ein Kind.
Wer dies einmal etc.

Zu mir sendet Gott das Kind,
Das nicht weiß, was tun, was lassen,
Wie ich gebend bin gesinnt,
Wird sein Herz die Gabe fassen,
Zu mir sendet Gott das Kind.
Wer dies einmal etc.

Wie so leicht lehrt sich ein Kind
All zum Guten, all zum Bösen
Wie den Schlüssel es gewinnt,
Wird es alle Rätsel lösen,
Wie so leicht lehrt sich ein Kind.
Wer dies einmal etc.

Sei nicht bange um das Kind,
Laß es alles selbst verdienen,
Sei barmherzig, streng und lind,
Sei wie Gott mit dir, mit ihnen,
Sei nicht bange um das Kind.
Wer dies einmal etc.

Wie gelehrig ist ein Kind,
So wie du es lehrest lesen
In dem Buch, in dem wir sind,
So wird einst sein ganzes Wesen,
Wie gelehrig ist ein Kind.
Wer dies einmal etc.

Willst du segnen, lehr ein Kind,
Aus dem Körnlein werden Ähren,
Wie dein Körnlein war gesinnt,
Wird das Brot die Welt einst nähren.
Willst du segnen, lehr ein Kind.
Wer dies einmal etc.

Keine Blume kennt das Kind,
Giftige erscheinen bunter,
Wenn es Lust am Bunten find′t,
Bricht′s die Frucht und gehet unter,
Keine Blume kennt das Kind.
Wer dies einmal etc.

Ach wer führt dies schwache Kind,
Höll und Himmel stehen offen,
Daß das Lamm dem Wolf entrinnt,
Hat es mich wohl angetroffen.
Ach, wer führt dies schwache Kind.
Wer dies einmal etc.

Durch die Wüste zieht das Kind,
Nur der Faden meiner Hände
Führt es durch das Labyrinth,
Es wird wandeln wie ich′s sende.
Durch die Wüste zieht das Kind.
Wer dies einmal etc.

In der Krippe lag ein Kind,
Ochs und Esel es verehren;
Wo ich je ein Kindlein find,
Will ich′s lieben, pflegen, lehren,
In der Krippe lag ein Kind.
Wer dies einmal etc.

Zu mir Sünder kam dies Kind,
Lehrte mich den Vater kennen,
Darum, wo ich ein Kindlein find,
Muß ich′s meinen Bruder nennen.
Zu mir Sünder kam dies Kind.
Wer dies einmal etc.

Wie so heilig ist ein Kind,
Nach dem Wort von Gottes Sohne
Aller Kinder Engel sind
Zeugen vor des Vaters Throne,
Wie so selig ist ein Kind!
Wer dies einmal etc.

Welche Würde hat ein Kind,
Sprach das Wort doch selbst die Worte:
Die nicht wie die Kinder sind,
Gehn nicht ein zur Himmelspforte.
Welche Würde hat ein Kind.
Wer dies einmal etc.

Werden muß ich wie ein Kind,
Wenn ich will zum Vater kommen,
Kinder, Kinder, kommt geschwind,
Ich wär gerne mitgenommen,
Ich muß werden wie ein Kind.
Wer dies einmal etc.

Dieses Lied ist für ein Kind,
Das noch nie ein Kind betrübet,
Und aus Jesu Liebe sinnt,
Ob es Kinderliebe übet,
Dieses Lied ist für ein Kind,
Und weil solches es empfunden,
Ist′s den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

Wer dies sang war auch ein Kind
Und ist jetzt ein armer Sünder,
Und er schreibt auf Sturm und Wind:
Wachet über Gottes Kinder,
Wer dies sang, war auch sein Kind.
Herr, laß dies ihn heiß empfinden,
Sich den Kindern durch das Jesuskind verbinden!

Clemens Brentano

Wie du sollst in Schönheit wallen...

Wie du sollst in Schönheit wallen
Und dem Herrn doch wohlgefallen?
Frag die Wiesenblümelein
Die nicht ihrer Schönheit denken,
Sich der Sonne heben, senken,
Einsam duften und allein,
Wo sie sproßten, in dem Garten
Ruhig auch den Tod erwarten
Ihrer Schönheit ewgen Samen
Gottes Lüften gern vertrauen
Freudig sterben und nicht schauen
Wo der Herr sie aus will säen in Gottes Namen.
Nichts vergehet, nichts entstehet
Alles ist unendlich da
Doch die armen Augen taugen
Nur den Tod zu sehn.
Dichter, du sollst eingestehn,
Daß die Rose, die verblichen
Du der Sterblichkeit verglichen,
Eh sie war, und da sie glühte,
Und nachdem sie längst verblühte,
Daß die Rose eh und je
Die ich hier erblassen seh,
Ewiglich in Gott florieret
Und wer dieses recht verstehet
Triumphieret:
Nichts vergehet, nichts entstehet,
Alles ist unendlich da!

Clemens Brentano

Kirschblüte bei der Nacht

Ich sahe mit betrachtendem Gemüte
jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte,
In kühler Nacht beim Mondenschein;
Ich glaubt′, es könne nichts von größerer Weiße sein.
Es schien, ob wär ein Schnee gefallen.
Ein jeder, auch der kleinste Ast
Trug gleichsam eine rechte Last
Von zierlich-weißen runden Ballen.
Es ist kein Schwan so weiß, da nämlich jedes Blatt,
Indem daselbst des Mondes sanftes Licht
Selbst durch die zarten Blätter bricht,
Sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.
Unmöglich, dacht ich, kann auf Erden
Was Weißers ausgefunden werden.
Indem ich nun bald hin, bald her
Im Schatten dieses Baumes gehe,
Sah ich von ungefähr
Durch alle Blumen in die Höhe
Und ward noch einen weißern Schein,
Der tausenmal so weiß, der tausendmal so klar,
Fast halb darob erstaunt, gewahr.
Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein
Bei diesem weißen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht
Von einem hellen Stern ein weißes Licht,
Das mir recht in die Seele strahlte.

Wie sehr ich mich an Gott im Irdischen ergetze,
Dacht ich, hat Er dennoch weit größre Schätze.
Die größte Schönheit dieser Erden
Kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.

Barthold Hinrich Brockes

Charfreitag

Charfreitag ist′s - da trauert
Die ganze Christenheit,
Ich traure mehr als die Andern,
Mein Herz trägt doppelt Leid.

An diesem Tag der Schmerzen
Ein theures Herz mir starb,
Das beste und das treuste,
Das ich im Leben erwarb.

O, Christenheit, du trauerst
Nach heilig-frommem Brauch,
Weil dich noch sanft umwehet
Des Einz′gen Geisteshauch.

Wie aber muß ich klagen,
Die ich den Stern geseh′n,
Die Blumie, die so frühe
Zur Ruhe mußte geh′n;

Die ich den Geist vernommen,
Der von den Lippen quoll,
Die ich dies Herz besessen
Der reinsten Liebe voll.

Ein Stück von meiner Seele
Mit ihr zu Grabe zog,
Ein Stück von meinem Geiste
Mit ihr von dannen flog,

Ein Stück von meinem Herzen
Deckt wieder dunkles Land,
Weil sie allein von Allen
Es ganz und gar verstand.

Charfreitag - düstrer Freitag,
Bei deinem Glockenklang
Mag manches Herz erbeben
Und schlagen schwer und bang,

Mag manche Thräne fließen,
Und mancher Seufzer weh′n,
Doch Niemand kann dir trüber
Als ich in′s Antlitz seh′n!

Luise Büchner

Alle gute Gabe

Wir pflügen und wir streuen
den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen
steht in des Himmels Hand;
der tut mit leisem Wehen
sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen,
Wuchs und Gedeihen drauf.
Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt,
und hofft auf ihn.

Er sendet Tau und Regen
und Sonn und Mondenschein
und wickelt seinen Segen
gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behende
in unser Feld und Brot;
es geht durch unsre Hände,
kommt aber her von Gott.

Was nah ist und was ferne,
von Gott kommt alles her,
der Strohhalm und die Sterne,
das Sandkorn und das Meer.
Von ihm sind büsch und Blätter
und Korn und Obst, von ihm
das schöne Frühlingswetter
und Schnee und Ungestüm.

Er läßt die Sonn aufgehen,
er stellt des Mondes Lauf;
er läßt die Winde wehen
und tut die Wolken auf.
Er schenkt uns so viel Freude,
er macht uns frisch und rot;
er gibt dem Viehe Weide
und seinen Menschen Brot.

Matthias Claudius

Bei dem Grabe meines Vaters

Friede sei um diesen Grabstein her!
Sanfter Friede Gottes! Ach, sie haben
Einen guten Mann begraben,
Und mir war er mehr;

Träufte mir von Segen, dieser Mann,
Wie ein milder Stern aus bessern Welten!
Und ich kann’s ihm nicht vergelten ,
Was er mir getan.

Er entschlief; sie gruben ihn hier ein.
Leiser, süßer Trost, von Gott gegeben,
Und ein Ahnden von dem ew’gen Leben
Düft’ um sein Gebein!

Bis ihn Jesus Christus, groß und hehr!
Freundlich wird erwecken - ach, sie haben
Einen guten Mann begraben,
Und mir war er mehr.

Matthias Claudius

Bei ihrem Grabe

Diese Leiche hüte Gott!
Wir vertrauen sie der Erde,
Daß sie hier von aller Not
Ruh’, und wieder Erde werde.

Da liegt sie, die Augen zu
Unterm Kranz, im Sterbekleide!...
Lieg’ und schlaf’ in Frieden du;
Unsre Lieb’ und unsre Freude!

Gras und Blumen gehn herfür,
Alle Samenkörner treiben,
Treiben – und sie wird auch hier
In der Gruft nicht immer bleiben.

Ausgesä’t nur, ausgesä’t
Wurden alle die, die starben;
Wind- und Regenzeit vergeht,
Und es kommt ein Tag der Garben.

Alle Mängel abgetan
Wird sie denn in bessern Kränzen
Still einhergehn, und fortan
Unverweslich sein und glänzen.

Matthias Claudius

Christiane

Es stand ein Sternlein am Himmel,
Ein Sternlein guter Art;
Das tät so lieblich scheinen,
So lieblich und so zart!

Ich wußte seine Stelle
Am Himmel, wo es stand;
Trat abends vor die Schwelle,
Und suchte, bis ich’s fand;

Und blieb denn lange stehen,
Hatt’ große Freud’ in mir:
Das Sternlein anzusehen;
Und dankte Gott dafür.

Das Sternlein ist verschwunden;
Ich suche hin und her
Wo ich es sonst gefunden,
Und find es nun nicht mehr.

Matthias Claudius

Der Mensch lebt und bestehet

Der Mensch lebt und bestehet
Nur eine kleine Zeit;
Und alle Welt vergehet
Mit ihrer Herrlichkeit.
Es ist nur Einer ewig und an allen Enden,
Und wir in Seinen Händen.
Und der ist allwißend, Halleluja!
Und der ist heilig, Halleluja!
Und der ist allmächtig, Halleluja!
Ist barmherzig.
Halleluja! Amen, Amen! Halleluja! Amen!
Amen! Amen!
Ehre Seinem großen Namen!
Halleluja! Halleluja! Amen! Amen!

Matthias Claudius

Der Mond ist aufgegangen

Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar;
der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so holt
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel;
wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß dein Heil uns schauen,
auf nichts Vergänglichs bauen,
nicht Eitelkeit uns freun;
laß uns einfältig werden
und vor dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Wollst endlich sonder Grämen
aus dieser Welt uns nehmen
durch einen sanften Tod;
und wenn du uns genommen,
laß uns in Himmel kommen,
du unser Herr und unser Gott.

So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder;
kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
und laß uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbar auch.

Matthias Claudius

Der letzte Traum

Es war am sechsten Abend, und Gott sprach:
Alles ist gut geworden. Alles. Nur
der Mensch: was ist der Mensch? Er träumt wie Ich.
Er möchte ewig leben, ewig träumen.
Wenn ich nur schlafen könnte! endlich schlafen! -

Es war am sechsten Abend, und ein Dichter
sprach auf dem Sterbebett: Was ist der Mensch?
Er hielt die Hand des liebsten Freunds umklammert,
er wollt ihn ansehn mit den Schöpferaugen,
sie irrten durch ihn hin wie Säuglingsaugen
durch eine fremde, unerschöpflich fremde,
traumvolle Welt - er stammelte:

Sechs Tage keinen Schlaf. Nur Träume. Hörst du?
Alles war gut. Nur Ich - was ist mit mir?
Ich seh da immer Menschenscharen ziehn -
da an der Wand - Heerscharen - Kriegerscharen -
von Land zu Land mit mir - Erobrerscharen -
von Stern zu Stern - zur Schlacht - Schlachtopferscharen -
im Traum - sie opfern sich für Gott hin - hörst du?
die ganze Welt hin - sich hin - mich hin - Gott! -
Wenn ich nur endlich schlafen könnte - schlafen - -

Richard Dehmel

Abendlied

Der Tag ist eingenickt
Beim Wiegenlied der Glocken;
Zum Blumenkuß sich bückt
Der Tau auf leisen Socken;
Die Sterne sammeln sich,
Sie winken sich und drehen;
Fern hör′ ich Tritte gehen,
Doch ruhig ist′s um mich.

Und wie die dunkle Nacht
Deckt Land und Meeresgründe,
Und was der Mensch vollbracht,
Sein Heil und seine Sünde:
Vor dir ist Alles klar,
Wie Flammenschriften glühen;
Wer mag sich dir entziehen,
Den je dein Wort gebar?

In Demut will mein Herz
Vor deinen Thron sich wagen;
Es will dir seinen Schmerz,
Es will dir Alles sagen.
Die Sünd ist seine Not;
Hilfst du sie, Herr, nicht tragen,
Sie müßte ja mich schlagen
Zum ew′gen Seelentod.

Wenn aus mir selbst ich bau′,
So muß mein Werk vergehen;
Wenn in mich selbst ich schau′,
Kann ich nur Schrecknis sehen.
Als Kläger schauerlich
Stehn meines Herzens Tücke;
Doch wenn zu dir ich blicke,
Dann wird es hell um mich.

Und gläubig hoff′ ich noch,
Du werdest mir verzeihen;
Du sahst mich sünd′gen, doch
Du siehst mich auch bereuen.
So oft in Demut ich
Vor deinem Thron mich funden,
So fließt aus Jesu Wunden
Ein Tröpflein Blut auf mich.

Ich halte mich an dich,
Mein Richter und mein Retter,
So nun als ewiglich;
Vergebens ruft der Spötter:
»O spare deine Müh′;
Zu groß sind deine Sünden!
Und willst du Ruhe finden,
So denke nicht an sie!«

Wohl unglücksel′ger Pfeil,
Er trifft des Schützen Leben:
Mein Herr ist stark im Heil,
Und mächtig im Vergeben.
Wenn mein Gewissen droht,
Will ich das Kreuz umfangen;
Ach, der daran gehangen,
Er kennt ja meine Not!

Ich weiß, du zürnest nicht,
Schließ ich die Augenlieder,
Und Kraft zu meiner Pflicht
Gibst du im Schlaf mir wieder.
Scheuch böser Träume Nacht
Von denen, die dich ehren;
Sie können sie nicht wehren,
Sie stehn in Schlafes Macht.

Ich trau′ auf deine Hand,
Weil alle deine Güte
Und Liebe mir bekannt,
Daß sie mich wohl behüte,
Und daß ein sichrer Hort
Das Übel von mir wende.
»O Herr, in deine Hände!«
Dies sei mein letztes Wort.

Annette von Droste-Hülshoff

Beim Erwachen in der Nacht

Mein Gott, mein erstes Wort, ich bin erwacht!
Fern ist der Tag mit seinem Flammenschilde,
Und wie ein schwarzer Rauch bedeckt die Nacht
Zwar leicht, doch dicht ein jegliches Gebilde.
Fern ist der Mond, der Wächter der Natur,
Und keine Sterne seh′ ich freudig glühen;
Vielleicht bedeckt ein Nebelsee die Flur,
Vielleicht auch mögen dunkle Wolken ziehen.

Stumm ist die Nacht, doch ist sie tatenschwer,
Und Gottes Wunder wird von ihr geboren;
Sie sendet uns im Tau die Ernte her,
Sie ist das Füllhorn, das sich Gott erkoren.
Indes der Mensch dem Leibe zahlt die Schuld
Und nicht vermag an seinen Gott zu denken,
Will ihm der Herr, o übergroße Huld,
Mit milder Hand ein neues Leben schenken.

Doch wie als Friedensengel nicht allein,
Auch als der Tod das Heil uns kommt hernieder,
So flammt in ihr des Blitzes roter Schein,
Und Stürme ziehn durch ihre schwarzen Glieder.
Der Hagel schlägt die Saat, die Welle steigt,
Und heimlich frißt ihr Zahn am sichern Damme;
Der Meltau trifft die Frucht, daß sie erbleicht,
Und furchtbar wächst die unbemerkte Flamme.

Wer weiß, was diese Nacht für mich verhüllt,
Wie nötig Stärke mir am frühen Morgen,
Ob mir nicht wird mein Leidenskelch gefüllt,
Ob zehnfach nicht verdoppelt meine Sorgen?
Ich kann noch viel verlieren in der Welt;
Ich hab′ Geschwister, Mann und liebe Kinder
Und Ehr′ und Gut: wenn dir es, Herr, gefällt,
Nimm Alles hin, ich liebe dich nicht minder!

Was du verhängt, es ist nur dir bekannt,
Ich weiß es nicht und sorg′ es nicht zu wissen;
Um eins nur bitt′ ich, daß in deiner Hand
Ich demutsvoll die Rute möge küssen.
Gib, daß ich nicht in Unmut sinken mag,
Ob auch des Körpers morsch Gebäude wanke,
Daß ich dich lobe bei dem harten Schlag
Und daß ich dir im tiefsten Elend danke.

Ich wünsche nichts; mein Gott, ich stell′ es dir
Anheim in deine väterliche Güte:
Allein die Meinen segne für und für;
Schick deinen Engel, daß er sie behüte.
Zwar such′ ich mutig sie nach Menschenkraft,
So Geist als Leib, zu ihrem Heil zu führen;
Wohl nützt dem Körper, was der Körper schafft,
Doch ihre Seele kann nur Gott regieren.

Gib ihnen Licht, wo es noch finster ist,
Gib ihnen Kraft, wo schon ein Strahl entglommen,
Gib ihnen Trübsal, wenn ihr Herz vergißt,
Ihr eitles Herz, woher das Glück gekommen.
Doch wenn das Leiden sie zum Mißmut drückt,
Gib ihnen Freude, daß sie dich erkennen;
Gib ihnen Trost, wenn einst ihr Leben knickt,
Und laß sie sterbend deinen Namen nennen.

In Jesu Schutz, nach Jesu Will′ und Wort,
In Jesu Namen schließ′ ich meine Augen.
Die Nacht geht ihre stillen Wege fort;
Was kommt, das muß zu Gottes Rathschluß taugen.
Erblick′ ich lebend und gesund den Tag,
So will ich deinen heil′gen Namen preisen;
Doch ob der Tod sein Anteil fordern mag,
in Jesu Wunden läßt sich′s sicher reisen.

Annette von Droste-Hülshoff

Am Fronleichnamstage

O fasse Mut, er ist dir nah
Du hast sein Fleisch, sein heilig Blut
Genossen ja.
O meine arme Seele, fasse Mut
Er ist ja dein, er ward dein Fleisch und Blut.
Nicht wie du solltest, reich und warm
Kamst freilich du zu seinem Mahl:
Du warst ein arm
Zerlumpter Gast: doch zitterte die Qual
In dir des Sehnens: Tränen sonder Zahl
Hast du vergossen in der Angst,
Die dennoch Freudenschauer war.

Annette von Droste-Hülshoff

Für die armen Seelen

Was Leben hat, das kennt die Zeit der Gnade;
Der Liebe Pforten sind ihm aufgetan.
Zum Himmel führen tausend lichte Pfade;
Ein jeder Stand hat seine eigne Bahn.

Doch wenn mit Trauer Leib und Seel′ sich trennen,
Dann, Mensch, ergreif den letzten Augenblick.
Bald kannst du nicht mehr dein die Stunde nennen;
Aus deiner Hand entflohn ist dein Geschick.

Wohl dem, der reiches Gut voraus gesendet;
Was er gewirkt, das trägt er sich nach Haus.
Doch in dem Sturme, der dein Leben endet,
Löscht auch der Prüfung Gnadenfackel aus.

Wie Mancher schied und kennt die Zeit der Reue,
Und die Erlösung ist ihm noch so fern!
Wohlan mein Herz, zeig deine Christentreue:
Ein gläubig Flehn dringt vor den Thron des Herrn!

O du, der sprach aus seines Dieners Munde:
»Es ist ein heiliger und frommer Brauch!«
Das Geisterreich kennt weder Zeit noch Stunde,
Doch eine Stunde kennt und hofft es auch.

Mein Vater, sieh auf deine ärmsten Kinder
Und denk an sie in ihrer großen Not;
Sie waren, was wir sind, sie waren Sünder,
Und ihre Gnadenpforte schloß der Tod!

Und haben sie auch deinen Weg verlassen
Und haben nicht auf deine Hand geschaut:
Ach, ihre Sehnsucht kann kein Leben fassen,
Und ihre Reue nennt kein Menschenlaut.

O Jesu, denk an deine bittern Schmerzen
Und an den harten Tod am Kreuzesstamm!
Ach, alle trugst du sie an deinem Herzen,
Für Alle starb das unbefleckte Lamm!

Eröffne deine heiligen fünf Wunden,
Und auf fünf Strömen, glänzend, blutig rot,
Send′ her dein Kreuz, des mögen sie gesunden,
Ein sichres Schiff in ihrer großen Not!

Maria, bitt für sie bei deinem Sohne,
Als Himmelsleiter aus dem finstern Reich;
Beut ihnen seine blut′ge Dornenkrone,
Und nimm sie auf in deinen Mantel weich!

Ihr Heil′gen Gottes alle, helft uns flehen;
Sie sind ja eure armen Brüder auch!
Herr, laß sie bald dein göttlich Antlitz sehen,
Kühl ihre Glut mit deiner Milde Hauch!

Und wenn von denen, die mir teuer waren,
Als noch um sie die Erdenhülle lag,
Vielleicht noch mancher nicht dein Heil erfahren
Noch fruchtlos harrt auf der Erlösung Tag:

O Gott, ich ruf′ aus meiner tiefsten Seele,
Steh ihnen bei, mein Gott, verlaß sie nicht!
Auf ihren Schmerz sieh, nicht auf ihre Fehle;
Sieh auf mein einsam trauernd Angesicht!

Und ist es möglich, kann man Seelen retten
Durch Erdenleid, dem man sich willig beut,
Kann ich mein Schicksal an das ihre ketten:
Gib deinen Kelch, o Herr, ich bin bereit!

Was will doch alles Erdenleiden sagen,
Bedenk ich Leid und Freud der Ewigkeit!
Was ich vermag, ich will es gerne tragen;
Ich bin bereit, o Herr, ich bin bereit!

Annette von Droste-Hülshoff

Glaube

O Welt, wie soll ich dich ergründen
In aller deiner argen List?
Wo soll ich Treu und Glauben finden,
Da du so falsch und treulos bist?
Wo ich mich wende, hier und dort,
Da kömmt die Täuschung mir entgegen;
Die Lüge steht an allen Wegen
Und spricht ein trügerisches Wort.

Drum will ich nicht an Menschen glauben,
Und nur an dich, mein Gott allein;
Daß nichts mir deine Treu kann rauben,
Dess mag mein Herz sich wohl erfreun.
Was auch die Welt dagegen spricht
Und hunderttausend Menschenzungen:
Wer von des Glaubens Kraft durchdrungen,
Der wanket nicht und weichet nicht.

Wohl weiß ich, daß ein sinnlos Heer
Dich, o mein Gott, will ganz verkennen,
Vielmehr ein nichtig Ungefähr
Als seinen Herrn und Schöpfer nennen;
Allein ich glaube, daß sie blind
Und ganz verwirrt das Heil verfehlen,
Und daß die arm verirrten Seelen
Aus deinem Wink entsprungen sind.

Ich weiß, daß Jesu heil′ge Wunden,
O du mein allbarmherz′ger Gott,
Schon manches Herz zu hart gefunden,
Schon oft geduldet Hohn und Spott;
Allein ich glaub′, o Jesu gut,
Daß du getragen ihre Sünden;
Und können sie noch Gnade finden,
So ist es durch dein kostbar Blut.

Ich weiß, daß meinen trüben Augen
Die heiligste Dreifaltigkeit
In ihrem Glanz nicht möge taugen,
Dieweil wir wandeln in der Zeit;
Allein ich glaube, daß alsdann,
Wenn wir des Fleisches sind entbunden
Und uns um Gottes Thron gefunden,
Mein Blick sie klar erkennen kann.

Ich weiß, daß deine Bahn auf Erden,
Maria, o du reine Magd,
Ein Anstoß mußte Manchem werden,
In dem die Gnade nicht getagt;
Allein ich glaub′, o Gottesbraut,
Daß dich ihr Irrtum tief betrübe,
Und daß dein Auge noch mit Liebe
Und mit Erbarmen auf sie schaut.

Ich weiß, daß Gottes heil′ge Scharen
Und ihr gerechter Lebenslauf
Ein Spott schon manchem Frevler waren,
Ein Ärgernis dem schwachen Hauf;
Doch glaube ich, daß sie ihr Teil
Als Gottes Kämpfer treu gestritten,
Und daß sie unaufhörlich bitten
Für ihrer sünd′gen Brüder Heil.

Ich weiß, daß Viel′ zur Erde sehen
Und hängen fest an dieser Zeit,
Die ihre eigne Seele schmähen
Und leugnen die Unsterblichkeit;
Allein ich glaube, daß sie nicht
Vor deinem Zorne schützt ihr Beben,
Wenn sie nun zitternd Zeugnis geben
Vor deinem ewigen Gericht.

Ich weiß, o Herr, daß hier auf Erden
Mir Manches hart und bitter ist,
Und daß mein Herz in den Beschwerden
Oft deine Güte ganz vermißt;
Allein ich glaube, daß die Nacht
Dereinst vor deinem Strahl wird tagen,
Und meine Lippe preisend sagen:
Der Herr hat Alles wohl gemacht.

Ja, er hat Alles wohl beschlossen,
Und treu und wahrhaft ist sein Wort;
Darum, mein Herz, sei unverdrossen
Und trau auf deinen sichern Hort.
Ja nur an dich, mein Gott, allein,
Nicht an die Menschen will ich glauben;
Daß nichts mir deine Treu kann rauben,
Des mag mein Herz sich wohl erfreun!

Annette von Droste-Hülshoff

Hoffnung

Laß das Leben wanken,
Laß es ganz vergehn,
Über seine stillen Schranken
Will ich ernst und mutig sehn.
Findet gleich Vernunft die Wege
In dem dunklen Lande nicht:
Hoffnung kennt die Stege,
Trägt ein sichres Licht.

Wenn mich alle lassen:
Meine Hoffnung bleibt,
Wird mich rettend dann umfassen,
Wenn mich Not und Sünde treibt.
Ob auch Tod und Trübsal wüte,
Ob Gewalt der Böse hat,
Herr, auf deine Güte
Bau ich meine Stadt!

Ihn muß ich beklagen,
Der die Hoffnung senkt;
Ach, wie konnte er verzagen,
Wo des Herren Wille lenkt!
All sein Trost in Schmerz und Leiden,
All sein Ruhm in Spott und Schmach
Mußte von ihm scheiden,
Da die Hoffnung brach.

Wer sie will umschmiegen
Und nicht läßt in Not,
Spricht: »O Grab, wo ist dein Siegen,
Und wo ist dein Stachel, Tod!«
Keine Macht ob seinem Herzen
Hat der Trug und eitle Schein,
Und aus bittern Schmerzen
Preßt er süßen Wein.

Jesu, mich behüte,
Stärke mein Bemühn;
Ach, es war ja deine Güte,
Die die Hoffnung mir verliehn!
Wolltest du von mir dich wenden,
Alles Gute wendet sich:
Sünden ohne Enden,
Schmach und Schuld um mich!

Hast du Leid beschlossen,
Ist die Prüfung da,
Herr, ich trag es unverdrossen,
Bleibt mir deine Hoffnung nah.
Alles magst du mir entziehen,
Was mein Leben heiter macht,
Hoffnung wird mir glühen,
Wie ein Stern zur Nacht.

Willst du Freuden schicken,
O du Herr so mild,
Willst du mir mein Leben schmücken
Mit des ird′schen Glückes Bild:
Laß mein schwaches Herz nicht offen
Sein für diese eitle Welt;
All mein stilles Hoffen
Sei auf dich gestellt!

Wenn dann meine Stunde
Nun geschlagen hat,
Und von meinem bleichen Munde
Kaum noch tönt dein Name matt:
Ach! dann werd′ ich freudig schauen,
Wie mein Hoffen mag bestehn;
Denn ein fromm Vertrauen
Läßt nicht untergehn.

Annette von Droste-Hülshoff



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