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Trauersprüche: Weltlich|Trauersprüche: Religiös|Trauersprüche: Zitate|Trauerlyrik


Abschied von der Welt

Ade! ich muß nun scheiden,
Ihr Freunde, gute Nacht!
In Freuden und in Leiden
Gar schwer ist mir's gemacht,
In Kummer und in Thränen,
In Arbeit und in Not;
Drum ruft mein heißes Sehnen:
O komm, mein Herr und Gott!

O komm und schleuß dem Matten
Die müden Augen zu,
Bett' ihm im kühlen Schatten
Die stille sanfte Ruh,
Bett' ihm im kühlen Grabe
Den letzten weichen Pfühl,
Die einzige letzte Habe
Vom ganzen Weltgewühl.

Ade! ihr sollt nicht weinen,
Ihr Freunde lieb und fromm,
Das Licht wird wieder scheinen,
Das ruft dem Schläfer: komm!
Das klingt in seine Kammer:
Steh', Schläfer, steh' nun auf!
Steh' auf aus Erdenjammer!
Der Himmel thut sich auf.

Ade! ihr sollt nicht klagen,
Daß nun ich hinnen muß,
Die Nacht wird wieder tagen
Mit Freudenüberfluß,
Der große Held der Frommen
Wird mit der Krone stehn,
Und Engel werden kommen
Und mich zu Gott erhöhn.

Ernst Moritz Arndt

Der sterbende General

Er lag im dichtverhängten Saal,
wo grau der Sonnenstrahl sich brach,
auf seinem Schmerzensbette lag
der alte kranke General.
Genüber ihm am Spiegel hing
Echarpe, Orden, Feldherrnstab.
Still war die Luft, am Fenster ging
langsam die Schildwach auf und ab.

Wie der verwitterte Soldat
so stumm die letzte Fehde kämpft!
Zwölf Stunden, seit zuletzt gedämpft
um »Wasser« er, um »Wasser« bat.
An seinem Kissen beugten zwei,
des einen Auge rotgeweint,
des andern düster, fest und treu,
ein Diener und ein alter Freund.

»Tritt seitwärts,« sprach der eine, »laß
ihn seines Standes Ehre sehn! -
Den Vorhang weg, daß flatternd wehn
die Bänder an dem Spiegelglas!«
Der Kranke schlug die Augen auf,
man sah wohl, daß er ihn verstand,
ein Blick, ein leuchtender, und drauf
hat er sich düster abgewandt.

»Denkst du, mein alter Kamerad,
der jubelnden Viktoria?
Wie flogen unsre Banner da
durch der gemähten Feinde Saat!
Denkst du an unsers Prinzen Wort:
′Man sieht es gleich, hier stand der Wart!′
Schnell, Konrad, nehmt die Decke fort,
sein Odem wird so kurz und hart!«

Der Obrist lauscht, er murmelt sacht:
»Verkümmert wie ein welkes Blatt!
Das Dutzend Friedensjahre hat
zum Kapuziner ihn gemacht. -
Wart! Wart! du hast so frisch und licht
so oft dem Tode dich gestellt,
die Furcht, ich weiß es, kennst du nicht,
so stirb auch freudig wie ein Held!

Stirb, wie ein Leue, adelig,
in seiner Brust das Bleigeschoß,
o stirb nicht, wie ein zahnlos Roß,
das zappelt vor des Henkers Stich! -
- Ha, seinem Auge kehrt der Strahl! -
Stirb, alter Freund, stirb wie ein Mann!«
Der Kranke zuckt, zuckt noch einmal,
und »Wasser, Wasser« stöhnt er dann.

Leer ist die Flasche. - »Wache dort,
he, Wache, du bist abgelöst!
Schau, wo ans Haus das Gitter stößt,
lauf, Wache, lauf zum Borne fort! -
′s ist auch ein grauer Knasterbart,
und strauchelt wie ein Dromedar -
nur schnell, die Sohlen nicht gespart!
Was, alter Bursche, Tränen gar?«

»Mein Kommandant,« spricht der Ulan
grimmig verschämt, »ich dachte nach,
wie ich blessiert am Strauche lag,
der General mir nebenan,
und wie er mir die Flasche bot,
selbst dürstend in dem Sonnenbrand,
und sprach: ′Du hast die schlimmste Not,′
dran dacht ich nur, mein Kommandant!«

Der Kranke horcht, durch sein Gesicht
zieht ein verwittert Lächeln, dann
schaut fest den Veteran er an. -
Die Seele, der Viktorie nicht,
nicht Fürstenwort gelöst den Flug,
auf einem Tropfen Menschlichkeit
schwimmt mit dem letzten Atemzug
sie lächelnd in die Ewigkeit.

Annette von Droste-Hülshoff

Die Untergangsstunde der Titanic

Mein Hund, mein Freund, der mir zu Füßen kauert,
Stößt mit der Schnauze an mein Knie. Er fragt:
"Herr, sprich, warum dein Menschenblut erschauert!
Die Stille um dich stundenlang schon klagt,
Sie rief mir zu: Dein Herr, er trauert."

Da so mein Hund im morgendlichen Raum
Mich weckte, war ich lange wach gewesen,
Seit langem wach, und war doch tief im Traum.
Mir war, ich hatte tagelang gelesen,
Nein, Jahre - oder nur Sekunden kaum.

Ich las in einem Buch, des Zeilen flossen
Auf jedem Blatt wie Wellengänge fort.
Bald hell, bald dunkel, und zugleich zu großen
Gestalten wuchsen Silben an und Wort,
Raketen ähnlich, die die Nacht durchschossen.

Die Worte wurden reich ein Ozean.
Sie wogten vor mir unterm Mondschein weiter,
Und ein Wort kam als Schiffskoloß heran.
Ich las und glitt dem Mondlicht nach, das heiter
Auf weiten Wellen tastend tanzen kann.

Doch dann erschreckte mich ein ungeheures Wesen.
Es kam zu mir aus fernen Zeilen nah, -
Ein Wort, von dem ich in den Büchern mal gelesen,
Doch dessen Körper ich noch nie vor Augen sah.
Und atemlos ist dann mein Traum gewesen.

"Eisberg", - das Wort ging noch im Zimmer um,
Noch jetzt, da ich das Hündlein winseln hörte.
In meinen Ohren aber war ein wild Gesumm
Von Menschen und von Schiffsmaschinen, das mich störte.
Doch vor mir in dem Zimmer stand der Morgen stumm.

Nicht ruhig aber lag im Land mein altes Zimmer.
Es wanderte noch mit dem Eisberg fort,
Und auch durchs Fenster sah des Eises Schimmer.
"Titanic" - war ein zweites großes Wort,
Das sagten meine Lippen lautlos immer.

"Titanic!" war ein zweiter großer Schrei.
Es trug ihn wohl nun schon zu hundert Malen
Mein Herz aus dieser Nacht zu mir herbei.
Ich sehe noch die Menschen, jene tausend fahlen,
Die sanken mit dem Wort wie eine Welt aus Blei.

"Titanic!" schrieen sie. Das Wort, es sollte retten.
Sie schleudern′s tausendmal dem Eisberg hin
Und flüchten fort vom Tanz, aus Spielsaal, Schlaf und Betten.
Doch ach, das Wort verlor das Leben und den Sinn;
Ward allen schwerer als die schwersten Ketten.

Wie klang "Titanic" erst unfassbar groß!
Unüberwindlich kam das starke Wort geschwommen,
Ein unversinkbar Schiff, das aller Stolz genoss.
Zu spät ward seine Maske ihm genommen.
Es war der Tod, verkappt, der hin zur Tiefe schoss.

Der Tod, in jenes Riesenwort gehüllt, der bleiche,
Hat Tausend angelockt, die auf das Wort vertraut.
Die Toren trug er hin zu seinem Reiche,
Die blind zum Wort "Titanic" aufgeschaut.
Der Tod, er lenkte selbst des Steuerrades Speiche.

Der Tod, er stellt den Kurs zum Eisberg ein.
Der Eisberg, der Titan bei den Titanen,
Er soll des Schiffstitanen Henker sein.
Es wollte keiner hier des großen Wortes Schwäche ahnen,
Es wiegte Stolz an Bord die tausend Ahnungslosen ein.

Ich seh′ noch festlich aus der Nacht den Schiffsrumpf ragen.
Wie Reihen goldener Monde sind die Scheiben
Der Fensterluken leuchtend an den Rumpf geschlagen,
Und ungeheure Wirbel schweren Rauches treiben
Aus den Vulkanen, die den Schiffsleib tragen.

Es ist ein prächtig Bild in jenem Buch, das zu mir spricht,
Und dessen Zeilen weiter fort zerfließen.
Dann leuchtet fern auf wie Magnesiumlicht
Zur Nacht die Helle jenes Eisbergriesen.
Sie mahnt wie an ein übersinnliches Gesicht.

Und wäre nicht Triumph Schiffsherr gewesen,
So wäre nie das Schreckliche geschehn;
Auch dieses konnte ich aus jenem Buche lesen.
Nie hätte ich des Schiffes Untergang gesehn,
Wenn Demut mitgefahren wäre, sie, die von weisem Wesen.

So landete der Schall nur von dem Wort
"Titanic" überm Meer im Neuyork-Hafen.
Der Eistitan, er riss den Schiffstitanen in die Tiefe fort.
Des Schiffes Anker niemals Land antrafen,
Und nur ein Hilferuf drang zum Bestimmungsort.

Schwer wird es mir, der Bilderreihe nachzugehen,
Die sich im Wirbel jetzt aus langen Zeilen rollt.
Ich möchte für die Untergehenden um Gnade flehen.
Ich möchte rufen, dass ihr alle retten sollt, -
Doch gar zu schnell des Buches Schrecknisse sich drehen.

Nachdem das Schiff mit voller Fahrt gerannt
Und ohne Furcht noch Vorsicht mehr zu kennen,
Wird jenen Übermütigen am Eisberg bald bekannt,
Dass Toren nur ein Menschenwerk frech unvergänglich nennen.
Ach, alles Tun der Sterblichen ist an die Sterblichkeit gebannt.

Stets in der Ohnmacht muss das Sterbliche verschwinden,
Und unvergänglich nenne nie die Menschentat.
Dem Starken kann sich stets ein Stärkerer noch finden,
Den Triumphierenden meist sein Triumph zertrat.
An Wortprunk sollst du nicht dein Leben binden. -

So hochgetürmt war dieses Schiff, dass auf dem höchsten Deck
Den Stoß des Eises, der den Rumpf am Grund zerschnitten,
Nicht einer spürt. Und auch die erste Kunde von dem Leck
Wird von den meisten leicht belacht, bestritten.
Denn hier an Bord titanenhaft zu sein, das war vereint der Zweck.

Es war des Schiffes allererste Fahrt. Es flog in Eile.
Man jagte Knoten über Knoten ab,
Und man empfand das Jagen als Kurzweile.
Gesichert durch die wasserdichten Schotten vor Tod und Grab,
Wich man dem Eis nicht aus, um keine Meile.

Man tanzte noch nach dem Zusammenstoß im Saal, der unberührt,
Und der in seinem Schwebegleichgewicht nicht schwankte.
Man scherzte, denn man wusste vom Triumph geführt
Das Schiff. Man spielte, schwatzte, zankte
Mit Herzen, die der Tod bereits gekürt.

Triumph der Technik glänzte in den Räumen,
Im Sport- und Spiel- und Badesaal,
Und die Musik bei Tafel, bei der Speisen Wahl,
Sie übertönt des Meeres wüstes Schäumen.

Schon sah ich, dass der Schiffsrumpf schwerer ging
Und Lichterreihen tiefer Fenster schwanden.
Und immer noch drang Lust und der Musik Gering
Von all den Oberdecks, wo Angstgerüchte keinen Eingang fanden,
Weil dort der hellste Lebensglanz die Sterblichen umfing.

Des Eisbergs Weiße leuchtet an den Wänden
Des Schiffes, das im Rückwärtsgehen stöhnt.
Der Tod jedoch lässt nicht den Schiffsrumpf aus den Händen,
Und die Maschinenkraft bald nur gedämpft noch tönt,
Hilflos bei Meeresmeilen und fern von Küsten und Geländen.

Das Schiff, das unversinkbar galt und stolz ins Meer hintrat,
Vor einem Eishauch sollte es verschwinden!
Die blind das Wort "Titanic" erst geblendet hat,
Die Tausend mussten rasch den Tod hier finden.
An ihren Leibern werden weit im Meer die Fische satt.

Zuerst noch überflog der Schrei vom sterbenden Titanen Meilen.
Das Schiff lag still. Und hilferufend von dem hohen Mast
Zerknattern hin zur Küste mit dem Funkenspruch die Zeilen
Und brachten zu den Menschen Schrei um Schrei mit Hast
Hin nach Europa und Amerika, die sich in die Titanenschmerzen teilen.

Ein Sarg für Tausende, liegt auf dem großen Meere der Koloss.
Und auf ihm wimmelt′s jetzt von all den kleinen
Begierdewesen, die der Eisberg aufgerüttelt seit dem Todesstoß,
Die aber nicht den Tod erkennen mögen und die Gefahr verneinen.
Sie dünkten Schöpfer sich noch immer und blieben, ach, Geschöpfe bloß.

Tief drinnen eilen durch des Schiffes helle Gänge
Die Stewards, und sie klopfen kurz bei jedem an.
Sie klopfen an die tausend Türen in jenes Schiffes Riesenlänge.
Und an die tausend Herzen auch in jenem Riesenkahn
Tönt knapp das Wort "Gefahr", dies Wort belächelt von der Menge.

Ein wenig Neugier weckt es erst nur hier und dort.
Man witzelt und begleitet sich zu hellen Stufen,
Besteigt den Fahrstuhl und die Treppen, noch in dem Mund das Wort,
Das ganz unglaubliche, das aufgetaucht da ungerufen
Man hört es abermals und hört es fort und fort:

Gefahr! - Man will den Witz leibhaftig miterleben,
Denn nur ein Witzbold denkt hier an Gefahr,
Wo Tausende auf stolzer Höhe des Triumphes schweben.
Denn nirgendwo man sicherer als hier im Schiffe war, -
Die Ingenieure hatten gestern erst dies Urteil abgegeben.

Es staut sich noch kein sonderlich Gedräng′,
Man bildet Gruppen zwanglos unter Plaudern.
Auch dann wird nicht die Luft den Tausend eng,
Als die Maschinen in dem Schiffsraum zaudern.
Dort ordnet eine Dame noch ihr Ohrgehäng′,

Und andere vor Spiegeln leicht ihr Haar betasten,
Das sich ein wenig lockerte beim Tanz,
Beim Druck der Diademe und der Perlenlasten.
Und an Gefahr glaubt keine unterm Lichterkranz,
Wenn auch dem Schiff die Atemzüge rasten.

Doch kaum ein Stündlein später sind entstellt
Im gleichen Saal die gleichen Angesichter.
Noch immer glänzt dieselbe Spiegelwelt.
Die Menschenmenge aber keilt sich ängstlich dichter
Zum Bug, der wie ein Pferd sich hochgestellt ...

Die letzten Rettungsboote rudern weiter,
Ein jedes nur ein Menschenhäuflein fasst.
Im Wasser aber schreien Hunderte, die gleich wie Reiter
Die Wellen anzuspornen scheinen und in Hast
Wie Korke fliegend schwimmen, denn ein neues Wort wächst breiter:

"Der Tod." - Der dunkle Menschenhaufen auf dem Bug,
Aus dem Pistolenschüsse fallen, tobt unbändig.
Der Tod steht überall jetzt auf, Gefahren gibt′s genug.
Die Elemente und die Menschen, sie werden laut geständig,
Dass Leben stets dem Leben, ach, die Todeswunden schlug.

Sie alle raubten immer, um zu leben.
Dem Tod sind wenig Freunde nur bekannt.
Nur wenig sah ich, die sich friedlich ihm ergeben.
Ein altes Paar vor mir hat sich ihm lächelnd zugewandt,
Ich seh′ der beiden Seelen vereint dem Tod entgegenschweben,

Man wollt′ die Gatten trennen. Doch die Frau
Mocht′ nicht allein das Rettungsboot besteigen.
Ein lieblos Leben scheint der Lebensreifen rau.
So teilt sie mutig mit dem Mann das Todesschweigen,
Und beide Alten, eng umarmt, sie halten lautlos Totenschau.

Und Segen auch verdienten sich noch viele;
Auf mancher Todesstunde Lorbeer ruht.
Manch′ Millionär, der nur des Lebens Spiele
Gekannt, steht ab, zu retten sich sein Blut. -
Er nimmt die Rettung anderer zum Ziele ...

Im Abendkleid, dem lang die Schleppe schleift,
Stehn Damen fröstelnd dichtgedrängt im Dunkel,
Den Hals und auch die Brüste wie bereift
Von Verlenprunk und Diamantgefunkel -
Der Tod auch nach den Edelsteinen greift.

Das Licht ist jetzt erloschen in den Räumen,
Doch bringt man Kerzen und beleuchtet schnell.
Das Wasser steigt, und näher tönt sein Schäumen.
Der Kerzenschein erstreckt sich flackernd grell
Auf die vom Tod Gezeichneten, die noch vom Leben träumen.

Der Kapitän darf stolz die Hoffnung noch nicht sinken sehn.
Er muss des Meerpalastes Untergang verneinen,
Solange knatternd noch die Funkensprüche übern Ozean gehn,
Die sich wie letzte Lebensstrahlen rund um die Todesnot vereinen
Und um zwei Männer, die im Telegraphenraum im Wasser stehn.

Das Grab nur konnte jene Braven von ihrem Lebensdienst entbinden.
Des Schiffes Fühlung mit der Welt, sie schwand mit ihnen schwer.
Den Rettungsgürtel um, so funken sie, bis ihre Kräfte schwinden,
Bis sie am Telegraphen ablöst stumm das Meer
Und sie als letzte Antwort dann den Tod am Apparate finden.

Unheimlich wächst das Wasser rund heran,
Und manchem kehrt zurück die ferne Seele,
Die hochmütig er längst schon abgetan.
Doch sitzt Gefahr dem Menschen an der Kehle,
Springt leicht der Zweifelnde auch in den Glaubenskahn.

Im Speisesaal, wo noch vor einer Stunde
Gar festlich die befrackte Herrenschar
Den Schaumwein schlürfte und das Lachen in der Runde
Aufdringlich dröhnte, blind erhaben der Gefahr, -
Da halten Musikanten noch die Instrumente an dem Munde.

Und durch die Not klang übers Schiff: "Hin Gott zu dir!"
Und manches Auge weinte in dem Prunken
Des Saales, der geschmückt mit goldner Zier,
Wo Violin und Flöte jetzt noch tönetrunken
Zum Frieden wiesen, fern der Lebensgier.

Das Schreien aber, das im Schiff sich rührte,
Als krachend nun der Rumpf im Kesselraum zerriss
Und Tausende zur Meerestiefe führte,
Das Schreien sich gar grimmig in mein Herz einbiss,
Als wär′s mein eigen Leben, das ich sterbend spürte.

Es schrie die Welt auf, die der Mensch gebaut,
Es schrie die Sucht auf jener tausend Leben,
Die stolz der Menschen Eitelkeit vertraut.
Es schrie die Lust, dem Tod den Tod zu geben,
Es schrie der Glanz, dem vor dem Dunkel graut.

Es schrieen Stimmen, so wie Tiere brüllen,
Wenn sie der Mensch von ihrer Herde reißt ...
Dann sah ich alle Bilder sich verhüllen,
Und eine Hand, die mich ins Leben weist,
Sie muss des Buches Seiten rasch zerknüllen.

Getragen von dem eisigsten der Winde,
Noch lange ich auf leeren Wassern flog,
Und nicht sogleich ich wieder heimwärts finde.
Ein tödlich kalter Atem mit mir zog,
Als schmolz das Sterben auch des Eisbergs Rinde.

Am Eise hängen sich die Toten fest,
Und Haufen Sterbende verröcheln stöhnend.
Verschwunden ist des Schiffstitanen Rest.
Das Wasser rauscht an jener Stelle tönend,
Und nur der Tod hält noch ein wildes Fest.

Von Zeit zu Zeit, da tauchten Boote auf.
Ich sah noch Männer sich im Wasser raufen.
Geschmückte Frauen steuerten der Boote Lauf,
Ich höre Schwimmende um mich verschnaufen
Dicht bei der Leichen enggedrängtem Hauf...

Der Morgen kam mit seiner leichten Röte,
Als wüsst′ er nicht, was hier die Nacht gesehn.
Die Welle aber sprach zur Welle weiter. "Töte!
Kein Leben soll hier dem Triumph des Todes heut entgehn."
Und da und dort versanken dann die menschenvollen Böte. -

Fern rotes bald und grünes Licht im Morgendämmern blinkt, -
Es sind Laternen eines Dampfers, den zur Nacht gerufen
Durch viele Meilen her der Telegraph. Man winkt.
In allen Booten aber war es jetzt, als schufen
Die beiden Lichter neu den Mut, der schon versinkt.

Der Dampfer lässt die Treppen zu den Booten nieder.
Man kommt und rettet, wo man retten kann.
Doch die Geretteten erkennen nicht sofort das Leben wieder,
Und manche zarte Frau, die da im Boot gerudert hatte wie ein Mann,
Sieht noch vor sich den Tod durch die erschöpft geschlossenen Lider.

Und viele, die man aus den Booten hebt, die schreien wild,
Sie wollen nicht vom Grab da unten scheiden.
In ihren Augen brennt noch Schreckensbild um Bild,
Sie wollen nicht gerettet sein von ihren Leiden, -
Es deckte ihre Liebsten zu der ungeheure Meeresschild.

Und andere, die sich ergeben in das Todeswerben,
Die sich schon ihrem Untergang versöhnt,
Sie sehen in dem Tod nicht mehr Verderben -
Erlösung von dem Dasein, das nur raubt und stöhnt.
Sie wollen nie das Leben mehr betreten, - nur sterben, sterben.

Mit dem Geschmack des bittern Meeres noch im Mund
Und vor mir Leben, das die Hand mir leckte,
Erwachte ich. Ans Knie strich mir mein Hund.
Erstaunt ich mich in meinem Zimmerraum entdeckte,
Im Herzen noch der Schiffswelt Todesstund′.

Ich seh′ den Hund an, der da vor mir kauert,
Und der mit seinen Augen stumm mich fragt:
"Herr, sprich, warum dein Menschenblut erschauert.
Die Stille um dich stundenlang schon klagt,
Sie rief mir zu: Sieh doch, dein Herr, er trauert." -

Und ich besinne mich, dass ich da nächtens las
Von einem großen Schiff das große Untergehen,
Und dass ich miterlebt Titanenunglück und des Todes Hass.
Beim Leben, das wir gerne triumphieren sehen,
Die Todeskälte schon im Morgen saß.

Noch jenen Traum im Aug′, schau′ ich zur Zimmerdiele,
Die wurde wie der Grund vom tiefen Meer.
Erdrückt von Haufen Gold sah ich der Menschen viele.
Denn jener Schiffstitan, er war an Goldlast schwer.
"Die Glücklichen," so seufzte ich, "sie kamen nun zum goldnen Ziele."

Ich sprach es, todeslustig noch, und wurde langsam wach.
Vor mir, zerpresst vom Gold, verschwanden jene Toten.
Und draußen stand die Sonne überm Nachbardach,
Und ihre Strahlen mir ihr Lebenslicht anboten.
Da griff mein Atem zu. Ich dachte nicht mehr heiß dem Untergange nach.

Ich streichelte den Hund, der lebenskräftig bellte,
Und fühlte mich von Sterbequalen frei.
Das Licht, das süße, das mein Herz erhellte,
Entrückte mich dem großen Todesschrei,
Der fern in der Erinnerung noch gellte.

Das Schicksalsbuch, darin ich weiterlas,
Es schlug mir neue Bilder auf und Seiten.
Doch zwischen neuen Zeilen ich es nie vergaß,
Dass Menschen ihrem Tun den Untergang bereiten,
Wenn nicht die Demut mit beim Werke saß.

Max Dauthendey

Abschied

Sag mir, daß du dich im Föhnwind sehnst
Und daß du trauern würdest,
Wenn ich ginge.
Sag mir, daß diese Tage schön sind
Und daß du weinen wirst,
Wenn ich nicht singe.

Sag mir, daß du dem Leben gut bist.
Sag meiner Stimme,
Daß sie nie verwehe...
Und daß du heiter und voll frohen Mut bist,
Auch wenn ich lange Zeit
dich nicht mehr sehe.

Sag mir, daß ich ein töricht Kind bin,
Und streichle mich, wie eine junge Meise.
Sag mir, daß ich zu dir zurückfind,
Auch wenn die Nächte dunkel sind,
Durch die ich reise.

Hugo Ball

Abendlied

Nun laßt uns singen das Abendlied,
Denn wir müssen gehn,
Das Kännchen mit dem Weine,
Lassen wir nun stehn.

Das Kännchen mit dem Weine,
Das muß geleeret seyn,
Also muß auch das Abendlied
Wohl fein gesungen seyn.

Wohl unterm grünen Tannenbaum,
Allda ich fröhlich lag,
In mein feins Liebchens Armen
Die lange liebe Nacht.

Die Blätter von den Bäumen
Die fallen nun auf mich,
Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das freuet wohl mich.

Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das kömmt wohl daher,
Sie dacht sich zu verbessern,
Betrog sich gar sehr.

Des Abends, wenn es dunkel wird,
Steht er wohl vor der Thür,
Mit seinem blanken Schwerdte,
Als wie ein Offizier.

Mit seinem blanken Schwerdte,
Gleich einem rechten Held,
Mit ihm will ich es wagen,
Ins weite, weite Feld.

Mit ihm will ich es wagen,
Zu Wasser und zu Land,
Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das bringt mir keine Schand.

Das Abendlied gesungen ist,
Das Kännchen ist geleert,
Laß sehn nun wie du Kerl aussiehst,
Mit deinem blanken Schwerdt.

Achim von Arnim

Abenddämmern

Abenddämmern trüb und fahl,
Tiefe Stille webt im Thal.
Schleier rings die Berge kränzt,
Selten nur ein Stern erglänzt.
Wellen zieh'n und Winde rauschen,
Träumend neig' ich mich, zu lauschen
Und mir dünkt, daß Höh'n und Tiefen
Und die Wälder all' mich riefen.
Unbegreiflich Heimathsehnen –
Strömt hervor mir heiße Thränen.
Seele möcht' den Leib' verlassen,
Möchte gern ein Ewiges fassen:
Das in süßem Friedgewähren
Sie entrückt in holde Sphären ...

Wilhelm Arent

Bin ich in später Nacht allein

Bin ich in später Nacht allein,
Wenn alles ruht, wenn alles schweigt,
O wie sich dann mein ganzes Sein
Zu dir mit Macht hinüber neigt!
Und wieder kommt dein liebes Bild
Hold lächelnd wie an jenen Tagen,
Und nickt mir zu, als spräch es mild:
"Mein armer Junge, laß dein Klagen!
Noch bist du mein, noch bin ich dein,
Schütt aus dein Herz an meinem Herzen,
Vergessen wirst du alle Pein
Und alle noch so herben Schmerzen." -

Einst hast du oft dies Wort gesagt,
Mich dann gestreichelt und umschlungen,
Wenn ich in trüber Zeit geklagt,
Wenn ich mit Sorgen bang gerungen.
Nun bist du fort, nun bist du fern,
Wie hat sich alles nun gewendet,
Doch immer bist du noch ein Stern,
Der seine schönen Strahlen sendet,
Denn immer kommt dein liebes Bild,
Hold lächelnd wie in jenen Tagen,
Und nickt mir zu, als spräch es mild:
"Mein armer Junge, laß dein Klagen!"

Hermann Ludwig Allmers

Vergänglichkeit

Vergänglich ist das festeste im Leben -
Was trauerst Du, dass Liebe auch vergeht?
Lass sie dahin ins Reich der Zeiten schweben,
Leicht, wie des Lenzes Blüthenhauch verweht.

Doch halte fest ihr Schattenbild im Herzen,
Und segne dennoch freudig Dein Geschick,
Schliesst auch sich eine Reihe bittrer Schmerzen
An Deines Glückes kurzen Augenblick.

Du hast gelebt , denn Liebe nur ist Leben!
Sie nur allein webt um den dunklen Traum,
Dem wir den Nahmen unsers Daseyns geben,
Der höchsten Wonne glanzerfüllten Saum.

So zürne nicht des Schicksals finstern Mächten,
Wenn sie des Lebens Sonne Dir entziehn.
Nicht ewig lässt sie sich in unsre Bahn verflechten,
Ach, sei zufrieden, dass sie einst Dir schien.

Charlotte von Ahlefeld 

Ahndung

Laue Lüfte säuseln,
Und die Wellen kräuseln
Flüsternd sich im Meer;
Mondenstrahlen beben
Auf der Fluth und schweben
Glänzend hin und her.

Holde Melodieen
Aus der Ferne ziehen
Klingend durch die Nacht;
Und die Espen zittern,
Wie in Ungewittern
Wenn der Sturm erwacht.

Ist es Geisternähe,
Die mit Wohl und Wehe
Schauernd füllt mein Herz?
Steigen Engellieder
Aus den Lüften nieder,
Lindernd meinen Schmerz? -

Süsse Fantasieen,
Eilet nicht zu fliehen,
Labt den matten Sinn.
Ach in höhere Räume
Ziehn der Ahndung Träume
Mitleidsvoll ihn hin.

Charlotte von Ahlefeld 

Am Ufer bin ich gangen...

Am Ufer bin ich gangen,
Sie schifften auf dem See,
Mein Herz war voll Verlangen,
Ich trug ein heimlich Weh;
Ein Weh, ein Wohl zu sein
So ganz allein, allein, allein!

Ich hab hinaus getragen
Mein Herz, und der es liebt,
Der muß zu Haus verzagen,
Der ist zum Tod betrübt,
Und hört die Turtel schreien
So ganz allein, allein, allein!

So ging ich wohl zwei Stunden,
Und ob ich sein gedacht
Nur wenige Sekunden,
Das hüll ich in die Nacht
Des stummen Herzens ein
So ganz allein, allein, allein!

Es stürmt, der See schlägt Wellen,
Unheimlich saust der Wind,
Nie will ich mich gesellen,
Ich wirres, irres Kind,
Dem, der mich liebt mit Pein
So ganz allein, allein, allein!

Und sollt er auch erblinden
In seiner Tränen Flut,
Nie will ich mich verbinden,
Dem ich am Herz geruht;
Stirbt er, grabt mir ihn ein
So ganz allein, allein, allein!

Schon zittern ihm die Schmerzen
Um das gebrochne Herz
Gleich stillen Totenkerzen;
Ich laß ihn, reißt der Schmerz
Ihm gleich durch Mark und Bein,
So ganz allein, allein, allein!

Es war sein ganzes Leben
Im bittern Weh verglüht,
Da hab ich ihn umgeben,
Da ist er neu erblüht;
Mein ist er, ich nicht sein
So ganz allein, allein, allein!

Wohin, wohin mich wenden?
Ich armes Waiselein,
Von allen Felsenwänden
Hör ich das Echo schrein,
Arm Kind, o du mußt sein
So ganz allein, allein, allein!

Die Wellen sind Gesellen,
Die Vöglein zwei und zwei,
In Ufern gehn die Quellen,
Sein Echo hat mein Schrei,
Und ruft vom Felsenstein
So ganz allein, allein, allein!

Viel bin ich umgezogen,
Hab redlich angeblickt,
War liebevoll gewogen,
Hab freundlich zugenickt!
Die Wahrheit ließ der Schein
So ganz allein, allein, allein!

Und wem ich bot zu trinken,
Der ward so schwer berauscht,
Er ließ den Becher sinken,
Und hat ihn leicht vertauscht,
Den Zauberbecher mein
So ganz allein, allein, allein!

Du einsam Kreuz am Pfade!
Scheu blicke ich hinan,
O süßer Herr der Gnade
Blick doch dein Schäflein an!
Treib treuer Hirt mich ein
Bald ganz allein, allein, allein!

Da spricht′s: Tu keinem andern,
Was dir nicht soll geschehn,
Willst du nicht einsam wandern,
So laß nicht einsam stehn,
Laß nicht, willst du nicht sein
So ganz allein, allein, allein!

Will keiner mir begegnen
Auf diesem öden Pfad,
Soll ich die Welt gesegnen,
Verlassen am Gestad?
Da schallt ein Tritt - es naht
Wer ist′s? - sein will ich sein
So ganz allein, allein, allein!

Sag liebrer Wandrer, bist du′s,
So biete mir gut Zeit.
»Gelobt sei Jesus Christus!«
- In alle Ewigkeit.
Ach ja, wenn es soll sein
So ganz allein, allein, allein!

In Trauer begonnen,
In Reue vollendet
Zum Kreuz gewendet
Mit Tränen beronnen.

Clemens Brentano

Dein Lied erklang

Dein Lied erklang, ich habe es gehöret,
Wie durch die Rosen es zum Monde zog;
Den Schmetterling, der bunt im Frühling flog,
Hast du zur frommen Biene dir bekehret,
Zur Rose ist mein Drang,
Seit mir dein Lied erklang!

Dein Lied erklang, die Nacht hat′s hingetragen,
Ach, meiner Ruhe süßes Schwanenlied!
Dem Mond, der lauschend von dem Himmel sieht,
Den Sternen und den Rosen muß ich′s klagen,
Wohin sie sich nun schwang,
Der dieses Lied erklang!

Dein Lied erklang, es war kein Ton vergebens,
Der ganze Frühling, der von Liebe haucht,
Hat, als du sangest, nieder sich getaucht
Im sehnsuchtsvollen Strome meines Lebens,
Im Sonnenuntergang,
Als mir dein Lied erklang!

Clemens Brentano

Des toten Bräutigams Lied

Ich ging auf grünen Wegen
Und trug den Hochzeitskranz,
Treu Lieb ging mir entgegen
Geschmückt mit gleichem Glanz.
O wie blinkte ihr Krönlein schön,
Eh die Sonne wollt untergehn!

Und als die lichte Wonne
Sich unter Wolken barg,
Da spielt die letzte Sonne
Im Kranz auf meinen Sarg.
O wie blinkte etc.

Es ging im Witwenschleier
Treu Lieb mit mir zu Grab,
Und schwur, mein einzger Freier
Sinkt mir mit dir hinab.
O wie blinkte etc.

Sie steckt die Myrtenkrone
Auf meinen Totenkranz,
Die Weiber sprachen: Schone
Ihn für den neuen Hans.
O wie blinkte etc.

Sie wollt ihn mir nur geben,
Wollt keines andern sein,
Da lacht das volle Leben
Mir in das Grab hinein.
O wie blinkte etc.

Wer meine Kron erblickte
Und ihre Myrte drauf,
Zu seinem Nachbar nickte:
Der wacht einst selig auf.
O wie blinkte etc.

Doch als neun Monde gingen
Stets müder durch den Sand,
Den Strohkranz sie ihr hingen
Ans Haus ob ihrer Schand.
O wie blinkte etc.

Und die ihr Häcksel streuen
Zur Nacht vor ihre Tür,
Die hören′s Kindlein schreien,
Ich kann ja nichts dafür.
O wie blinkte etc.

Auf meiner Krone wehen
Noch ihre Myrten stets,
Doch die sie schimmern sehen,
Die sprechen: ja so geht′s!
O wie blinkte etc.

Dem Tode hingegeben
Hat sie ihr Kränzlein leicht,
Da hat das schlechte Leben
Den Strohkranz ihr gereicht,
O wie blinkte etc.

Ihr Kind am Kirchhof spielet,
Und mit dem Abendlicht
Hin nach dem Kränzlein schielet,
Und recht unschuldig spricht,
O wie blinkte etc.

Da hatt ich keine Ruhe
Und mußte auferstehn,
Und ging aus meiner Truhe
Das Kränzlein einzusehn,
O wie blinkte etc.

Ich wollt den Kranz mir holen,
Ins Grab mir auf das Herz,
Das Kind hat ihn gestohlen,
Da fühlt ich wieder Schmerz,
O wie blinkte etc.

Konnt nicht die Stimm erheben,
Nicht schreien: Den Kranz gib her,
Das Totsein wie das Leben
War mir unendlich schwer.
O wie blinkte etc.

Da half mir das Gewissen,
Es nahm dem Kind den Kranz,
Ich hab ihn unzerrissen,
Ich hab ihn rein und ganz.
O wie blinkte etc.

Um einen guten Namen
Freit sie den ärmsten Mann,
Da sie zur Kirche kamen,
Sah sie die Kron nicht an,
O wie blinkte etc.

Da sprach ich aus der Truhe:
Hab Dank für Lust und Schmerz,
Dein Kranz mit ewger Ruhe
Kühlt mir das treue Herz,
O wie blinkte etc.

Wohl mir, daß ich gestorben,
Als er im vollen Glanz,
Mir bist du nicht verdorben,
Ich habe deinen Kranz.
O wie blinkte etc.

Treu will ich ihn aufheben,
Wenn wir uns wiedersehn,
Sollst du im bessern Leben
Mit ihm gezieret gehn.
O wie blinkte etc.

Denn eine einzge Treue
Ist aller Liebe wert,
Und eine einzge Reue
Zerbricht das Richterschwert,
O wie blinkte etc.

Dies hört sie, ist gegangen
Still mit dem armen Mann,
Und sah nun ohne Bangen
Mein einsam Krönlein an!
O wie blinkte etc.

Und wenn die Abendwinde
Leis durch die Kronen ziehn,
Spricht sie zu ihrem Kinde,
Gottlob, die Zeit geht hin.
O wie blinkte mein Krönlein schön,
Eh die Sonne wollt untergehn!

Clemens Brentano

Die Abendwinde wehen...

Die Abendwinde wehen,
Ich muß zur Linde gehen,
Muß einsam weinend stehen,
Es kommt kein Sternenschein;
Die kleinen Vöglein sehen
Betrübt zu mir und flehen,
Und wenn sie schlafen gehen,
Dann wein ich ganz allein!
»Ich hör ein Sichlein rauschen,
Wohl rauschen durch den Klee,
Ich hör ein Mägdlein klagen
Von Weh, von bitterm Weh!«

Ich soll ein Lied dir singen,
Ich muß die Hände ringen,
Das Herz will mir zerspringen
In bittrer Tränenflut,
Ich sing und möchte weinen,
So lang der Mond mag scheinen,
Sehn ich mich nach der Einen,
Bei der mein Leiden ruht!
»Ich hör ein Sichlein rauschen etc.«

Mein Herz muß nun vollenden,
Da sich die Zeit will wenden,
Es fällt mir aus den Händen
Der letzte Lebenstraum.
Entsetzliches Verschwenden
In allen Elementen,
Mußt ich den Geist verpfänden,
Und alles war nur Schaum!
»Ich hör ein Sichlein rauschen etc.«

Was du mir hast gegeben,
Genügt ein ganzes Leben
Zum Himmel zu erheben;
O sage, ich sei dein!
Da kehrt sie sich mit Schweigen
Und gibt kein Lebenszeichen,
Da mußte ich erbleichen,
Mein Herz ward wie ein Stein.
»Ich hör ein Sichlein rauschen etc.«

Heb Frühling jetzt die Schwingen,
Laß kleine Vöglein singen,
Laß Blümlein aufwärts dringen,
Süß Lieb geht durch den Hain.
Ich mußt mein Herz bezwingen,
Muß alles niederringen,
Darf nichts zu Tage bringen,
Wir waren nicht allein!
»Ich hör ein Sichlein rauschen etc.«

Wie soll ich mich im Freien
Am Sonnenleben freuen,
Ich möchte laut aufschreien,
Mein Herz vergeht vor Weh!
Daß ich muß alle Tränen,
All Seufzen und all Sehnen
Von diesem Bild entlehnen,
Dem ich zur Seite geh!
»Ich hör ein Sichlein rauschen etc.«

Wenn du von deiner Schwelle
Mit deinen Augen helle,
Wie letzte Lebenswelle
Zum Strom der Nacht mich treibst,
Da weiß ich, daß sie Schmerzen
Gebären meinem Herzen
Und löschen alle Kerzen,
Daß du mir leuchtend bleibst!
»Ich hör ein Sichlein rauschen,
Wohl rauschen durch den Klee,
Ich hör ein Mägdlein klagen
Von Weh, von bitterm Weh!«

Clemens Brentano

Es senke sich ein leiser Traum hernieder...

Es senke sich ein leiser Traum hernieder
Der ihr der eignen Schönheit Gürtel löst
Und sanften Blicks mit schmeichelndem Gefieder
Des eignen Herzens Fülle ihr entblößt.
Im leichten Spiel küss′ sie der eignen Lieder
Gestalten, und der leise Kuß erlöst
Die Blume von der Träne die sie drücket
Daß sie zum Grabe müd sich bücket.

Clemens Brentano

Ich hab das Lämplein angesteckt...

Ich hab das Lämplein angesteckt
Zum langen Angedenken,
Und wenn mich kühle Erde deckt,
Mag Kind und Enkel denken:
Der Vater ruht im Tale aus,
Und kömmt nicht mehr ins stille Haus.

Lischst du o Herr mein stilles Licht,
Das tief herab schon brennet,
Und werd vor deinem Angesicht
Ich nur ganz rein erkennet,
So geht mit Freude angetan
Erst recht mein schönstes Leuchten an.

Clemens Brentano

Säusle, liebe Myrte...

Säusle, liebe Myrte!
Wie still ist′s in der Welt,
Der Mond, der Sternenhirte
Auf klarem Himmelsfeld,
Treibt schon die Wolkenschafe
Zum Born des Lichtes hin,
Schlaf, mein Freund, o schlafe,


Bis ich wieder bei dir bin.

Säusle, liebe Myrte!
Und träum im Sternenschein,
Die Turteltaube girrte
Auch ihre Brut schon ein.
Still ziehn die Wolkenschafe
Zum Born des Lichtes hin,
Schlaf, mein Freund, o schlafe,
Bis ich wieder bei dir bin.

Clemens Brentano

Schwanenlied

Wenn die Augen brechen,
Wenn die Lippen nicht mehr sprechen,
Wenn das pochende Herz sich stillet
Und der warme Blutstrom nicht mehr quillet:
Oh, dann sinkt der Traum zum Spiegel nieder,
Und ich hör der Engel Lieder wieder,
Die das Leben mir vörübertrugen,
Die so selig mit den Flügeln schlugen
Ans Geläut der keuschen Maiesglocken,
Daß sie all die Vöglein in den Tempel locken,
Die so süße, wild entbrannte Psalmen sangen,
Daß die Liebe und die Lust so brünstig rangen,
Bis das Leben war gefangen und empfangen;
Bis die Blumen blühten;
Bis die Früchte glühten
Und gereift zum Schoß der Erde fielen,
Rund und bunt zum Spielen;
Bis die goldnen Blätter an der Erde rauschten
Und die Wintersterne sinnend lauschten,
Wo der stürmende Sämann hin sie säet,
Daß ein neuer Frühling schön erstehet.
Stille wird′s, es glänzt der Schnee am Hügel,
Und ich kühl im Silberreif den schwülen Flügel,
Möcht ihn hin nach neuem Frühling zücken,
Da erstarret mich ein kalt Entzücken -
Es erfriert mein Herz, ein See voll Wonne,
Auf ihm gleitet still der Mond und sanft die Sonne,
Unter den sinnenden, denkenden, klugen Sternen
Schau ich mein Sternbild an in Himmelsfernen;
Alle Leiden sind Freuden, alle Schmerzen scherzen,
Und das ganze Leben singt aus meinem Herzen:
Süßer Tod, süßer Tod
Zwischen dem Morgen- und Abendrot!

Clemens Brentano

Schweig, Herz! kein Schrei!

Schweig, Herz! kein Schrei!
Denn alles geht vorbei!
Doch daß ich auferstand
Und wie ein Irrstern ewig sie umrunde,
Ein Geist, den sie gebannt,
Das hat Bestand!

Ja, alles geht vorbei!
Nur dieses Wunderband,
Aus meines Wesens tiefstem Grunde
Zu ihrem Geist gespannt,
Das hat Bestand!

Ja, alles geht vorbei!
Doch ihrer Güte Pfand,
Jed Wort aus ihrem lieben frommen Munde,
Folgt mir ins andre Land
Und hat Bestand!

Ja, alles geht vorbei!
Doch sie, die mich erkannt,
Den Harrenden, wildfremd an Ort und Stunde,
Ging nicht vorbei, sie stand,
Reicht mir die Hand!

Ja, alles geht vorbei!
Nur eines ist kein Tand,
Die Pflicht, die mir aus seines Herzens Grunde
Das liebe Kind gesandt,
Die hat Bestand!

Ja, alles geht vorbei!
Doch diese liebe Hand,
Die cih in tiefer, freudenheller Stunde
An meinem Herzen fand,
Die hat Bestand!

Ja, alles geht vorbei!
Nur dieser heiße Brand
In meiner Brust, die bittre süße Wunde,
Die linde Hand verband,
Die hat Bestand!

Clemens Brentano

Simphonie

Ruhe! - die Gräber erbeben;
Ruhe! - und heftig hervor
Stürzt aus der Ruhe das Leben,
Strömt aus sich selbsten empor
Die Menge, vereinzelt im Chor.

Schaffend eröffnet der Meister
Gräber - Geborener Tanz
Schweben die tönenden Geister;
Schimmert im eigenen Glanz
Der Töne bunt wechselnder Kranz.

Alle in einem verschlungen,
Jeder im eigenen Klang,
Mächtig durchs Ganze geschwungen,
Eilet der Geister Gesang
Gestaltet die Bühne entlang.

Heilige brausende Wogen,
Ernst und wollüstige Glut
Strömet in schimmernden Bogen,
Sprühet in klingender Wut
Des Geistertanz silberne Flut.

Alle in einem erstanden,
Sind sie sich selbst nicht bewußt
Daß sie sich einzeln verbanden;
Fühlt in der eigenen Brust
Ein jeder vom Ganzen die Lust.

Aber im inneren Leben
Fesselt der Meister das Sein;
Läßt sie dann ringen und streben;
Handelnd durcheilet die Reihn
Das Ganze im einzelnen Schein.

Clemens Brentano

Singet leise, leise, leise...

Singet leise, leise, leise,
Singt ein flüsternd Wiegenlied,
Von dem Monde lernt die Weise,
Der so still am Himmel zieht.

Denn es schlummern in dem Rheine
Jetzt die lieben Kindlein klein,
Ameleya wacht alleine
Weinend in dem Mondenschein.

Singt ein Lied so süß gelinde,
Wie die Quellen auf den Kieseln,
Wie die Bienen um die Linde
Summen, murmeln, flüstern, rieseln.

Clemens Brentano

Sonne willst du untergehen...

Sonne willst du untergehen
O so schicke erst die Sterne
Daß die Nacht mich nicht bezwinge
Wenn ich ihr die Botschaft bringe
Wiedersehen, Wiedersehen
Ist nicht ferne.

Still beschauet mich ihr Bäume
Und ihr weißen Marmorbilder
Und ihr Quellen, lustge Bronnen,
Bald ist euch der Freund entronnen
Sinket nieder grünen Räume
Tauet milder.

Sonne bist du untergangen
O so schicke bald die Sterne
Daß die Nacht mich zu ihr bringe
Daß ich ihr die Botschaft singe
Wie verlangen und erlangen
Nicht mehr ferne.

Clemens Brentano

Sprich aus der Ferne...

Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.

Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze still leuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

Wehet der Sterne
Heiliger Sinn
Leis durch die Ferne
Bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Tränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.

Glänzender Lieder
Klingender Lauf
Ringelt sich nieder,
Wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht,
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster tiefsinnig bezeugt:

Wandelt im Dunkeln
Freundliches Spiel,
Still Lichter funkeln
Schimmerndes Ziel.

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und traurend die Hand,
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.

Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.

Clemens Brentano

Wenn der lahme Weber träumt, er webe...

Wenn der lahme Weber träumt, er webe,
Träumt die kranke Lerche auch, sie schwebe,
Träumt die stumme Nachtigall, sie singe,
Daß das Herz des Widerhalls zerspringe,
Träumt das blinde Huhn, es zähl′ die Kerne,
Und der drei je zählte kaum, die Sterne,
Träumt das starre Erz, gar linde tau′ es,
Und das Eisenherz, ein Kind vertrau′ es,
Träumt die taube Nüchternheit, sie lausche,
Wie der Traube Schüchternheit berausche;
Kömmt dann Wahrheit mutternackt gelaufen,
Führt der hellen Töne Glanzgefunkel
Und der grellen Lichter Tanz durchs Dunkel,
Rennt den Traum sie schmerzlich übern Haufen,
Horch! die Fackel lacht, horch! Schmerz-Schalmeien
Der erwachten Nacht ins Herz all schreien;
Weh, ohn Opfer gehn die süßen Wunder,
Gehn die armen Herzen einsam unter!

Clemens Brentano

Wenn die Sonne weggegangen

Wenn die Sonne weggegangen,
Kömmt die Dunkelheit heran,
Abendroth hat goldne Wangen,
Und die Nacht hat Trauer an.

Seit die Liebe weggegangen,
Bin ich nun ein Mohrenkind,
Und die rothen, frohen Wangen,
Dunkel und verschlossen sind.

Dunkelheit muß tief verschweigen,
Alles Wehe, alle Lust,
Aber Mond und Sterne zeigen,
Was ihr wohnet in der Brust.

Wenn die Lippen dir verschweigen
Meines Herzens stille Gluth
Müssen Blicke und Thränen zeigen,
Wie die Liebe immer ruht.

Clemens Brentano

Wo schlägt ein Herz, das bleibend fühlt?

Wo schlägt ein Herz, das bleibend fühlt?
Wo ruht ein Grund, nicht stets durchwühlt?
Wo strahlt ein See, nicht stets durchspült?
Ein Mutterschoß, der nie erkühlt?
Ein Spiegel, nicht für jedes Bild -
Wo ist ein Grund, ein Dach, ein Schild,
Ein Himmel, der kein Wolkenflug,
Ein Frühling, der kein Vögelzug,
Wo eine Spur, die ewig treu,
Ein Gleis, das nicht stets neu und neu?
Ach, wo ist Bleibens auf der Welt,
Ein redlich, ein gefriedet Feld,
Ein Blick, der hin und her nicht schweift,
Und dies und das und nichts ergreift,
Ein Geist, der sammelt und erbaut -
Ach, wo ist meiner Sehnsucht Braut?
Ich trage einen treuen Stern
Und pflanzt ihn in den Himmel gern
Und find kein Plätzchen tief und klar
Und keinen Felsgrund zum Altar;
Hilf suchen, Süße, halt, o halt,
Ein jeder Himmel leidt Gewalt.

Clemens Brentano

Willkomm, leb wohl...

Willkomm, leb wohl!
So spricht ein liebend Grüßen
Zu Lichtern, die den Scheideblick versüßen,
Wenn Dichter unsre ewigen Gedanken
Vermählen in des Augenblickes Schranken.
O Glut! die wir entzünden
Auf Schätzen, die auf Ewgem gründen
Und in der Zeit verschwinden,
Du wirst verrechnet werden
Am Löhnungstag des Himmels auf der Erden!

Hast du den Schein verstanden,
Als ich im Hain gestanden,
Von meiner bunten Hülle,
Von meinen Wunden stille,
Von meines Herzens Tränen,
Von meines Auges Sehnen?
Hat dich gerührt, du feine Garbe,
Der braunen Weizenähre Farbe,
So hat es ein mir liebes Herz doch ausgesprochen,
Ein Herz von Schmerz gebrochen;
Es wird verrechnet werden
Am Löhnungstag des Himmels auf der Erden.

Kannst du mein Licht verstehen,
Wenn tiefe Schatten mich umwehen,
Wird auch mein still Erkennen
In deiner Lampe, kluge Jungfrau, brennen,
Könnt je, was tief mich rührt, dein Herz bewegen,
Wollt′ ich in deine Hand es ruhig legen;
Der Seele Blick, so selten nur verstanden,
Des Herzens Schlag, des innig mir verwandten,
Wird all verrechnet werden
Am Löhnungstag des Himmels auf der Erden.

Konnt′st du, als ich vorüberging, mich lieben,
Erkenne auch, was dir von mir geblieben,
Und manche tiefe Aussicht mir erschlossen;
Des Taues Blick im Blumenkelch entsprossen,
Jed′ Licht, jed′ Wort, jed′ leisen Klanges Wenden
Des kranken Herzen, das in Kinderhänden
Gleich einem Vogel stirbt, wird all verrechnet werden
Am Löhnungstag des Himmels auf der Erden.

Was du in mir verstehen kannst und lieben,
Ist, was dich lieben muß und ganz erkennen,
Und ist, was mich von dem, das dir geblieben,
Weil ich′s geliebt, erkannt, nie mehr kann trennen,
Und wird verrechnet werden
Am Löhnungstag des Himmels auf der Erden.

Da wird Verwandtes bei Verwandtem stehen,
Und was wir liebten, werden wir verstehen,
Da wird, was du in mir geliebt, aus dir auch fruchten,
Und aus uns wird erblühen, was wir suchten;
Da wird in dir, was du in mir mußt lieben,
Und, was geliebt von mir, bei dir geblieben,
Gar streng verrechnet werden
Am Löhnungstag des Himmels auf der Erden.

Leb wohl, Willkomm! du feine kleine Garbe,
Wenn jemals ich nach heim′schem Brote darbe,
Seh ich die Zeilen an, die du geschrieben,
Und fühl mein Lieben drin, das dir geblieben,
Und denk der Herzen, die da unser denken,
Bis ihre Schmerzen sie zur Erde senken,
Die all verrechnet werden
Am Löhnungstag des Himmels auf der Erden.

Clemens Brentano

Wiegenlied eines jammernden Herzen

O schweig nur, Herz! die drohende Sibylle,
Die dir durch deinen Frieden, Wehe! kreischt,
Den grimmen Geier, der dich so zerfleischt,
Bannt dir ein mildes Kind und deckt ganz stille
Die schreinde Wunde dir, mit Taubenflügeln,
Weckt dir den Morgenstern auf stummen Hügeln.

O schweig nur, Herz! Horch! Klang von Engelsschwingen!
Was zuckst du so? du mußt fein leise tun,
Wo man dir singet, wie so sanft sie ruhn,
Die Seligen, dahin wird man dich bringen,
Sei still! was schreist du? einsam ist kein Leben,
Kein Grab; schlaf süß; die Liebste träumt daneben.

O schweig nur, Herz! du hast ja nichts besessen,
Du läßt ja nichts zurück, wem trauerst du?
Auch deines Himmels Augen fallen zu,
Doch seiner Liebe Licht strahlt ungemessen;
Brichst du, bricht jenes Herz? wer bleibt, wird sagen,
O schönre Lust, halb hier, halb dort zu schlagen!

O schweig nur, Herz! du magst wohl selig schweigen,
Was schreist du nur! dir fiel ein süßes Los,
Dich wiegt die Unschuld ohne Grau′n im Schoß,
Aus tiefen Augen blickt dein Himmelszeichen;
Sei ihr nicht schwer, sei selig, träume, schwebe,
Wein um die Traube nicht, wein mit der Rebe!

O schweig nur, Herz! sonst nennt dich einen Raben
Die Liebste, die nur Tauben Futter gibt,
O diene still und treu, bis sie dich liebt,
Werd eine Taube, die nur will sie haben;
O selig, ihr als Taube zu gehören,
So lang sie sich der Raben wird erwehren!

O schweig nur, Herz! und lerne sel′ger schauen
Als andre, in die Huld, die sie umgibt,
Daß sie dir mehr, als allen andern gibt,
Das zwinge sie, dir stumm einst zu vertrauen,
Schweige, dulde, glaube, hoffe, liebe, baue
Dein Elend fromm, daß sie dir ganz vertraue!

Schweig Herz! Kein Schrei!
Denn alles geht vorbei,
Doch daß ich auferstand
Und wie ein Irrstern ewig sie umrunde,
Ein Geist, den sie gebannt,
Das hat Bestand.

Ja, alles geht vorbei,
Nur dieses Wunderband
Aus meines Wesens tiefsten Grunde
Zu ihrem Geist gespannt,
Das hat Bestand.

Ja, alles geht vorbei,
Doch ihrer Güte Pfand,
Jed′ Wort aus ihrem lieben frommen Munde,
Folgt mir ins andre Land
Und hat Bestand.

Ja, alles geht vorbei,
Doch sie, die mich erkannt,
Den Harrenden, wildfremd an Ort und Stunde,
Ging nicht vorbei, sie stand,
Reicht mir die Hand.

Ja, alles geht vorbei,
Nur eines ist kein Tand:
Die Pflicht, die mir aus seines Herzens Grunde
Das linde Kind gesandt,
Die hat Bestand.

Ja, alles geht vorbei,
Doch diese liebe Hand,
Die ich in tiefer freudenheller Stunde
An meinem Herzen fand,
Die hat Bestand.

Ja, alles geht vorbei,
Nur dieser heiße Brand
In meiner Brust, die bittre süße Wunde,
Die linde Hand verband,
Die hat Bestand.

Clemens Brentano

Der Tag, der gestern vergangen

Gestern ist nicht heute mehr: Es ist weg, es ist dahin.
Es verspührt, empfindet, fühlet, sieht und höret unser Sinn
Nichts von seiner Gegenwart. Gestern ist, wie ein Geschrey,
Das im Augenblick verschwindet, auch verschwunden und vorbey.
Alles gestrige Vergnügen, Lachen, Fröhlichkeit und Schertz
Ist nunmehr ein leeres Nichts. Aber auch ein bittrer Schmertz,
Der uns gestern drückt′ und fraß, der uns Marck uns Bein durchwühlet,
Hat mit gestern aufgehört, und wird heute nicht gefühlet.
Eines Reichen fröhlichs Gestern ist mit allem seinen Prangen,
Und des Armen elend Gestern auch mit aller Noth vergangen.
Beydes bringt besondern Trost. Denn die kurtze Daur der Freuden
Tröstet alle, die nicht glücklich: Und, die Pein und Schmertzen leiden,
Werden ungemein gestärckt, wenn sie dieses überlegen,
Und die unleugbare Wahrheit dieser Lehre wohl erwegen:

Indem du gestern keine Plagen
Mehr fühlen kannst, noch darfst ertragen;
So mind′re Kummer und Verdruß,
Und kräncke dich nicht mehr so sehr auf Erden.
Es wird, mit ungehemmtem Fluß,
Ein jedes Heute Gestern werden.

Barthold Hinrich Brockes

Herbstgedanken

Da ich die grüne Pracht der Bäume zärtlich liebe
Und folglich mich anjetzt im Herbst bei ihrem Fall,
Bei der Entblätterung der Wipfel überall
Und der Vernichtigung des Laubes recht betrübe,
So deucht mir doch, ob hör ich sie im Fallen
Zu meinem Troste dies mit sanftem Lispeln lallen:
"Du siehest uns von dem geliebten Baum
Nicht, um denselben zu entkleiden,
Noch um ihn nackt und bloß zu lassen, scheiden;
Ach nein, wir machen frisch und schönern Blättern Raum."

Barthold Hinrich Brockes

Am Baume

Am Baume habe ich gestanden,
Der war so hoffnungsgrün,
Nicht lange mehr kann es dauern
Und freudig wird er blühen.

Ein Zweiglein nur streckt trauernd
Die Arme nach mir aus,
Es ist so kahl und dürre,
Schlägt nirgends knospend aus.

O, Zweiglein! was erwachest
Du nicht im Frühlingshauch?
Die Sonne küsst die Fluren,
Sie küsset dich ja auch!

Lockt nicht des Himmels Bläue,
Der lauen Lüfte Wehen,
Dich, wie die Nachbarzweige
Im Blütenschmuck zu stehen?

Lass deine Rinde schwellen
Von frischem Lebenssaft -
Doch, Zweiglein, ach! ich sehe
Dir fehlt die innere Kraft!

Dein Mark, ach! ist erstorben,
Vom Winterfrost verzehrt,
Dein zartes Leben haben
Die Stürme rauh zerstört.

Für dich scheint keine Sonne,
Weht keine Frühlingsluft,
Dir sind die Lenzgefilde
Nur eine Todtengruft. -

Ich gehe still von dannen,
Und denk′ an dich zurück,
Und an so mancher Herzen
Dahin gewelktes Glück.

In deren zarte Blüthe
Auch drang so eisig Wehen,
Daß unter den Lebenden
Sie wie Gestorbene stehen!

Luise Büchner

Am Grab des Bruders

Nach langem, langem Sehnen
An deinem Grab ich stand,
Nach vielen, bittren Tränen
Sah ich dies Stückchen Land,
Das Alles kalt bedecket,
Woran voll Zärtlichkeit,
Seit Leben ihm erwecket,
Das Kind hing allezeit!

Das Kind - o, Schmerz! ich habe
Dich anders nicht gekannt,
Stiegst jetzt du aus dem Grabe,
Du hättst mich kaum erkannt.
Doch wie ich so hier stehe,
Wird Eins mir wunderbar,
Trotz allem Schmerz und Wehe,
Im tiefsten Innern klar.

Zu früh mir hingeschwunden
Warst du mein Lebensstern,
Nach dem in allen Stunden
Ich sah zum Himmel gern;
Sein Strahl ward meine Leuchte,
Zog meinem Geist voran,
Zum Guten, Schönen zeigte,
Zur Wahrheit mir die Bahn.

Und dass in ewger Treue
Ihm stets gefolgt mein Herz,
Dass hier ich steh ohn Reue,
Dies sänftigt meinen Schmerz;
Dass tief mir im Gemüte
Dasselbe Feuer wacht,
Das deine Brust durchglühte
Mit seltner Liebesmacht.

So fühl ich mit Entzücken,
Stündst eben du vor mir,
Als Geistesschwester drücken
Würdst du ans Herz mich dir!
Die Hände segnend breiten
Auf meine Stirne bleich,
Mich wie in Kinderzeiten
Anlächeln mild und weich. -

Muss wieder von ihm gehen,
Dem schmerzlich teuren Ort,
Doch was mir dort geschehen,
Wirkt mutig in mir fort!
Dass so du in mir lebest
Für alle Ewigkeit,
Zum Höchsten mich erhebest -
Dies ist Unsterblichkeit!

Luise Büchner

Armins Klage

"Wissen willst du, was ich leise seufze,
Warum Trauer meine Stirn umhüllt?
Nicht gering, o Cormar, ist mein Kummer,
Meine Kinder ruhn in Todesschlummer
Und von Schmerz ist meine Brust erfüllt!

Armin ist der Letzte seines Stammes,
Seine Glieder werden schwach und alt -
Finster ach! o Daura, ist dein Bette,
Tief dein Schlaf an kalter Grabesstätte,
Deiner Stimme Melodie verhallt.

Herbsteswinde, rauschet durch die Heide!
Bergesströme, brauset wild empor!
Stürme tobet in dem Haupt der Eichen,
Lass dein Angesicht, o Mond, sich zeigen,
Tritt aus halb zerrissnen Wolken vor!

Bring die Trauernacht vor meine Blicke,
Die Arindal, Daura mir entriss -
Daura, weißer als des Schwanes Flügel,
Lieblich, wie das Mondlicht an dem Hügel,
Gleich dem Hauch der Frühlingslüfte süß.

Flüchtig war Arindals Speer im Felde,
Rothe Wetterwolke war sein Schild,
Sanft sein Blick wie Nebel auf der Welle -
Armar kam, ein Krieger stark und schnelle,
Daura trug im Herzen tief sein Bild. -

Eraths Bruder Armar hat erschlagen,
Den zu rächen, Erath kam daher,
Kam, gekleidet wie des Meeres Söhne,
Weiß die Locke, sanft der Stimme Töne,
Leicht sein Nachen schaukelt auf dem Meer.

′Schönstes Mädchen, holde Daura′, sprach er,
′Aus dem Meer hebt dort ein Felsen sich,
Rothe Frucht glänzt durch des Baumes Zweige,
Den er trägt - in meinen Nachen steige,
Dort harrt Armar, zu ihm führ ich dich!′

Und sie ging und rief nach ihm, doch Antwort
Nur das Echo gab, sie rang die Hand:
′Armar, was erfüllst du mich mit Zagen,
Daura, ruft dich, hör ihr banges Klagen!′ -
Erath, der Verräter, floh zum Land.

Sie erhob der Stimme Klagetöne,
Rief Arindals, meine Hülfe an,
Von dem Felsen klang ihr Rufen wieder,
Von den Hügeln stieg Arindal nieder,
Rau mit Jägerkleide angetan.

Fand den stolzen Erath an der Küste,
Fest er an der Eiche Stamm ihn band,
Laut sein Schmerzgeheul die Luft durchschneidet;
Durch die Flut Arindals Nachen gleitet,
Daura schnell zu führen an das Land.

Da kam Armar her in seinem Grimme,
Der beschwingte Pfeil vom Bogen flog,
Flog, dein Herz, Arindal, zu durchbohren,
Deins an Eraths Statt, dem er erkoren -
Todesnacht dein treues Aug umzog!

Ihm entsinkt das Ruder, an dem Felsen
Strebt er noch empor - da bricht sein Herz!
Welches war, da du zu deinen Füßen
Sahst des Bruders Blut in Strömen fließen -
Welches war, o Daura, war dein Schmerz!

An den Klippen ist das Boot zerschmettert,
Armar stürzt sich in das wilde Meer,
Seine Daura will er kühn erretten,
Oder sich in dunkle Fluten betten -
Weh! er sinkt und kehret nimmermehr!

Auf dem seeumwogten Felsen jammernd
Meine Tochter saß in ihrer Qual,
Sie zu retten war ich nicht im Stande,
Weilt die ganze Nacht am Meeresstrande,
Sah sie bei des Mondes bleichem Strahl.

Kalter Regen peitscht der Berge Seiten,
Laut dazwischen heult des Nordens Wind,
Schwächer ward beim Morgenlicht ihr Weinen,
Schwand dahin, wie auf bemoosten Steinen
Leise seufzend stirbt der Abendwind.

Einer Blume gleich vom Sturm gebrochen,
So sank Daura schmerzbeladen hin,
Du, o Armin! bliebst allein von Allen!
Bei den Frauen ist mein Stolz gefallen,
Meine Macht im Kriege schwand dahin! -

Wenn ins Tal die Stürme niederbrausen
Und der Nord die Wogen wild erhebt,
Sitz ich an dem donnernden Gestade,
Schau hinüber nach dem Felsengrate,
Oft von meiner Kinder Geist umschwebt!

Still einträchtig wandlen sie zusammen,
Bleich der Mond ihr dämmernd Bild enthüllt -
Nicht gering, o Cormar, ist mein Kummer,
Meine Kinder ruhn im Todesschlummer
Und mit Schmerz ist meine Brust erfüllt!"

Luise Büchner

Den Kranken

Im Griechenlande, bei den großen Alten,
Den geistig freien, pries man als beglückt
Den Mann, dem von des Schicksals ernstem Walten
Ein Leid voll Segen ward auf′s Haupt gedrückt.
Nicht war dies kranke Lust an Schmerz und Wunden -
Wo blühte schöner heitrer Sinn und Geist?
Nein, Weisheit war es, welche tief empfunden,
Wie ernst, bedeutsam, was da Leben heißt.

Nicht feig erliegen, selbstbewußt es tragen,
Wie eine Freude nach der andern weicht,
Kann er′s, der nie geübt sich im Entsagen,
Dem Blüthen nur das Glück stets dargereicht?
Ein hoher Segen aber ruht auf Schmerzen,
Und, wie die Perl′ im dunklen Meeresschacht
Sich formt und bildet, wächst im Menschenherzen
Ein edler Schatz aus finstrer Leidensnacht.

Der Seele Ruhe, die sich still begnügend
Nicht mehr, als ihr beschiednes Theil begehrt,
Der freie Geist, der nie sich selbst belügend,
Ein jedes Ding ermißt nach ächtem Werth,
Und auch ein Herz voll Demuth und voll Liebe
Und voll Geduld für sie, die schwächer sind,
O, Perle reinster Menschlichkeit, wer bliebe
Gern frei von Leid, wenn so man dich gewinnt?

O, Allen diesen Trost, die schwere Stunden
Zu den Gesellen einer Noth gemacht:
Wie manches Herz hat sich zurückgefunden
Aus lautem Tag in stiller Leidensnacht.
Von allen Kronen, die die Erde schmücken
Ist eine einz′ge nur von ächtem Werth,
Lass′ sie geduldig auf das Haupt dir drücken,
Die Dornenkrone, die im Schmerz verklärt!

Luise Büchner

Die Glockenstimmen erschallen

Die Glockenstimmen erschallen,
Mild leuchtet der Abendstern,
Und feierlich kündet ihr Hallen
Die Auferstehung des Herrn.

Ihr hellen Osterglocken,
Ich hört′ euch schon manches Jahr,
Bald unter Scherz und Frohlocken,
Bald wenn ich in Thränen war.

Heut′ tönt mir euer Läuten
So trüb′ und so ahnungsvoll,
Nicht weiß ich, was mir bedeuten
Das ernste Hallen soll.

Wie mög′t ihr mir wohl erklingen,
Wenn wieder ein Jahr hinab?
Wie Weinen, wie fröhlich Singen,
Oder auf meinem Grab?

Luise Büchner

Die Mondesbrücke

Schweigend ruht des Rheines Spiegel,
Golden schwebt der Mond darüber,
Senket aus den blauen Höhen
Eine Strahlenbrücke nieder.

Und sie taucht die lichten Pfeiler
In die tiefe, dunkle Welle,
Daß vor Wonne leise bebet
Glanzumwoben ihre Schwelle.

Dampfumhüllet, schwarz und nächtig,
Kommt das Schiff einhergeflogen,
Schneidet brausend mitten innen
Durch der Brücke goldnen Bogen.

Die so stille und so prächtig
Festgezimmert hat gestanden,
Ist zertrümmert, ist zerborsten
In unzählige Demanten.

Zuckend fliegen sie wie Blitze
Ueber die bewegten Fluthen,
Wo der heit′re Bau sich wölbte,
Wogt ein wildes Meer von Gluthen.

Ach! so zieht durch eine Seele
Oft das Schicksal schwarz und mächtig,
Das in′s Leben schlug die Brücke
Auch so golden, froh und prächtig!

Aber sieh - das Schiff enteilet,
Ruhe deckt die Wasser wieder,
Und auf′s Neue hell und golden
Senket sich die Brücke nieder.

Wie versöhnet, ihre Strahlen
Wieder in einander rinnen,
Ahnet Niemand, daß sie eben
War zerschnitten mitten innen.

Armes Herz! dem so gewaltsam
Ward der goldne Bau zersplittert,
Daß es mild erbebend schläget,
Von dem tiefsten Weh durchzittert;

Reicher, goldner als die Brücke
Strahlest du nach deinen Wunden,
Hast versöhnt und ganz dich wieder
In dir selbst zurecht gefunden!

Luise Büchner

Ein Felsenherz

Als Moses in der Seele höchstem Zagen,
Um Hülfe flehend, an den Fels geschlagen,
Da fühlte Mitleid selbst mit ihm der Stein;
Er öffnete des Busens starre Rinde,
Und segensreich entströmte voll und linde
Den Schmachtenden die Quelle frisch und rein. -

Ein andrer Moses, hab′ ich auch geschlagen
An einen Fels, mit banger Furcht und Zagen,
Was aus dem Innern mir entgegenquillt;
Voll Inbrunst hab′ ich heiß mit ihm gerungen,
Ich redete mit Mensch- und Engelzungen -
Es lag vor ihm der Seele ganzes Bild!

Doch kalt und stumm blieb er bei meinen Fragen,
Taub und verschlossen meinen heißen Klagen,
Ihn rührte nicht der Seele wahrster Schmerz;
Kein Quell hat lindernd sich aus ihm ergossen,
Kein Seufzer wehte, keine Thränen flossen -
Du, mehr als Stein - du warst ein Menschenherz!

Luise Büchner

Eine trübe Stunde

Das hab′ ich wohl erfahren
In manchen bitt′ren Jahren,
Es giebt für mich kein Glück!
Wo Andre Rosen brechen,
Mich nur die Dornen stechen:
So will es mein Geschick.

Nie streckt′ ich meine Hände
Nach reichster Glückesspende,
Ich brauche wenig nur:
Ein freundliches Verstehen,
Ein geistiges Umwehen,
Und Trösterin Natur.

Allein: »du sollst entbehren,
Entbehrend dich verzehren!«
So sprach das Leben hart.
Was nützet eitle Klage,
Was nützet mir die Frage,
Warum dies Loos mir ward?

Ich gehe ruhig weiter,
Geduld ist mein Begleiter,
Ein kalter, trockner Freund;
Regt sich mein Geist zum Kämpfen,
Wird er den Aufschwung dämpfen,
Daß er sich selbst verneint!

Hebt Phantasie die Schwingen,
Entzückung mir zu bringen,
Die meine Sehnsucht stillt;
Flieh′ ich zurück zur Wahrheit
Und seh′ in bitt′rer Klarheit,
Es war ein täuschend Bild.

Ist′s wahr, daß solche Seelen,
Die sich nichts mehr verhehlen,
Schon sind des Todes Raub -
Muß bald mein Geist entschweben,
Dies täuschungsleere Leben
Hinsinken in den Staub!

Luise Büchner

Einsamkeit

Ich bin allein - wie oft mit kaltem Schauer
Trifft mich dies Wort, mit namenloser Trauer -
Ob sich auch laut das Leben um mich regt;
Allein - mit meinem Streben und Bemühen,
Allein - wenn eine andre Brust durchglühen
Ich möcht, mit dem, was Meine schön bewegt.

O, so allein ist nicht des Südens Pflanze,
Die einzeln steht in nordscher Blumen Kranze,
Es grüßt sie hier wie dort der Sonne Kuss;
So einsam nicht auf weitem Feld die Eiche,
Das sehnsuchtsvolle Rauschen ihrer Zweige,
Erwidert hold der Vögel lauter Gruß.

Wohl einmal auch, zwei kurze schöne Stunden,
Hab ich der Seele süßen Hauch empfunden,
Die geistverwandt mit mir die Schwinge regt;
Doch sie entschwand in endlos weite Ferne,
Ich schau ihm nach, dem glänzend schönen Sterne,
Von milder Schwermut wundersam bewegt.

So flieht mein Leben einsam still von hinnen,
Ein Quell, der bang im Sande muss verrinnen,
Und nie in einen stolzen Strom sich gießt;
Ein Efeu, der bestaubt am Boden lieget:
Kein Baum, daran er sich vertrauend schmieget,
Um den er liebend seine Arme schließt!

Luise Büchner

Erinnerung

Hier will ich sitzen und ruhen
An diesem lieblichen Ort,
Will schweifen lassen das Auge
Ins Weite von Ort zu Ort.

Will stille sitzen und denken
An Alles was ich geliebt,
Will Alles, Alles vergessen,
Was mich verletzt und betrübt.

Und kann ich es denn verbannen,
Woran ich nicht denken will?
Wie bleibt es beim frohen Erinnern
Im Herzen so öd und so still!

Es sind so innig verbunden
In mir die Freuden und Wehn,
Dass nur vereint sie entschlummern,
Vereinigt nur auferstehn!

Luise Büchner

Guter Rath

Still mußt du werden, pochend Herz,
Still wie der Stern am Himmelszelt,
Wie er, mußt unberührt du steh′n
Vom nicht′gen Treiben dieser Welt.

Still mußt du werden wie der Fels,
An dem sich wild die Brandung bricht;
Ob auch ein Schifflein jach zerschellt
An seinem Fuß, er fühlt es nicht.

Still mußt du werden wie der Schwan,
Der lautlos schwimmt den See dahin,
Wie einsam er die Fluth zertheilt,
Mußt du des Lebens Kreise zieh′n.

So stolz mußt steh′n du, so allein,
Dann wirst du froh und glücklich sein./
Doch ach! du seufzest leise: nein,
Nicht froh, nicht glücklich werd′ ich sein!

O, ich versteh′ dich, glühend Herz,
Zu heiß liebst du das Leben noch,
Trotz seinen Schmerzen, seiner Qual,
Trotz seiner Noth liebst du es doch.

So schlag′ in Menschenleid und Lust,
So dulde denn und klage nicht,
Sei einsam eher nicht und kalt,
Nicht still, als bis der Tod dich bricht!

Luise Büchner

Hoffe doch nicht

Hoffe doch nicht - du mußt es bezahlen
Mit der Enttäuschung bittersten Qualen,

Wiege dich Hoffnung auch noch so schön,
Tückisch wird sie doch untergeh′n!

Wünsche auch nicht - dir ist niemals gewähret,
Was deine brennende Sehnsucht begehret:

Ob auch aus weinender Seele er quillt,
Nie sich der rettende Wunsch erfüllt. -

Weine auch nicht - es stillen die Thränen
Nimmer dein heißes Bangen und Sehnen,

Wehr′ ihres Strom′s unbänd′ger Gewalt,
Geh′ deines Weges ruhig und kalt.

Trotze auch nicht - dein Herz ist kein Felsen,
D′rauf du voll Groll dein Leid kannst wälzen,

Vor seiner Schwere dein Stolz sinkt hin,
Brich′ du ihn selbst mit duldendem Sinn!

Dulden und Schweigen nur - ist uns beschieden,
Bis uns umschwebet der ewige Frieden;

Ob auch das Leid dich erdrücken will -
Dulde du, schweig′ und halte dich still!

Luise Büchner

Im schmerzlichsten Gefühle

Im schmerzlichsten Gefühle
Schwankt in mir Sinn und Denken,
Und spottet aller Kühle,
Die sich, wie es auch blutet,
Dies Herz hat zugemuthet.
Wohin soll es sich lenken?
Wo ist der Wahrheit Helle,
Die jene Zauberstelle,
Der Freud′ und Weh′ entstammt,
Ihm zeigt in ganzer Klarheit,
Ob Trug dort, oder Wahrheit
Verderbend oder segnend flammt?

So bricht des Zweifels Schwüle
Der Seele ganze Kraft,
Die zum Vertrau′n geboren;
Im schmerzlichsten Gewühle
Fühlt sie sich selbst entrafft
Und wie zum Tod erkoren! -
So schwankte Phäthon′s Wagen
Auf seiner irren Bahn:
Bald stürmt′ er ohne Zagen,
Vertrauend himmelan,
Bald reißet ihn zurücke
Der Erde kalter Neid,
Sie hat in ihrer Tücke
Für ihn den Tod bereit;
In namenlosem Schmerze
Ruft er herbei ihn laut -
O, Herz, mein armes Herze!
Hast du dein eigen Bild geschaut?

Luise Büchner

Sanfter Trost

Geschieden ist die Sonne,
Kein Blümlein mehr mag blüh′n,
Und nur des Epheus Blätter
Schmückt noch ein sanftes Grün.

Und freudig uns′re Seele
Darauf die Hoffnung baut,
Daß es nach ödem Winter
Den Frühling wieder schaut. -

So wird der bangen Seele
Die tiefer Schmerz erfüllt,
Im Lebensgrün der Hoffnung
Ein neuer Trost enthüllt.

Ein Frühling lacht ihr wieder,
Und Blumen pflückt die Hand,
Fällt manche Wehmuthsthräne
Auch auf des Kelches Rand.

Und wie der Epheu innig
Sich Rank′ an Ranke schmiegt,
So wird die Seele stiller
An Freundes Herz gewiegt.

Luise Büchner

Segen der Natur

Es giebt so stille Feierstunden
Der Seele, wo sie Alles trägt,
Wo sie trotz allen ihren Wunden
Des Friedens Athem nur bewegt.

Wie blieb er lange mir so ferne,
Der Ruhe stiller Zauberkreis,
Wo, gleich dem wandellosen Sterne,
Man nichts von Schmerz und Sehnsucht weiß.

Natur, mit deinem milden Segen,
Du bist′s, die mich so sanft umfängt!
Die heute mir auf allen Wegen
Nur Lebensmuth entgegen drängt.

Es rauscht der Bach zu meinen Füßen
Mir Ruhe! Ruhe! leis′ in′s Ohr;
Die blauen Berge freundlich grüßen,
Die Bäume flüstern süßen Chor.

Und wie die Sonne strahlend lächelt,
Auf jedem Blatt sich glänzend bricht,
Scheint sie von heitrer Lust umfächelt,
Wie hold ein Kinderangesicht. -

O bleibe fest in meinem Herzen,
Moment - vom Grame unentweiht;
Sei mir ein Schild für alle Schmerzen,
Ein Balsam jedem ferner′n Leid!

Luise Büchner

So tief verwundet ist dies Herz

So tief verwundet ist dies Herz -

Es möchte sich in Nacht versenken,
Nicht sehen, hören und nicht denken,

Nur fühlen seinen bitt′ren Schmerz!
So kostet′ es ihn bis zum Grund,

Es müßte langsam sich verbluten,
Und aus den ausgebrannten Gluthen

Erhöb′ es sich vielleicht gesund.

Nun aber wird der laute Tag,

Der ihn geschäftig will zerstören,
Des Herzens Qual nur noch vermehren,
Nicht stark es machen, sondern schwach.

Doch sei′s getragen - nach dem Wie

Nicht fragt der Selbstbeherrschung Wille;
Nur Aug′ und Lippe, haltet stille,

Das inn′re Leid verrathet nie!

Luise Büchner

Vergebens

Du weißt es wohl, ich bin kein starker Geist,
Der frei für sich erschafft ein eig′nes Leben,
Kein mächt′ger Baum, sich selbst genug, der wagt
Sein stolzes Haupt hoch in die Luft zu heben.
Ich kann nicht geh′n in selbstgezognen Gleisen,
Und brauche Sterne, die den Pfad mir weisen.

Du weißt es wohl, ich bin kein starkes Herz,
Das einsam kann durch′s dunkle Leben ziehen,
Zu Etwas muß es gläubig aufwärts schau′n,
Für Etwas schlagen, zittern und erglühen.
Der Rebe gleicht′s, die nur im Aufwärtsringen
Empor sich kann zu Licht und Leben schwingen.

Doch weißt du wohl, wie sehr dies Herz auch braucht
Der starken Hand - sie wird ihm ewig fehlen,
Und wie der Geist auch noch so heiß sich sehnt
Nach seinem Stern - er muß umsonst sich quälen,
Bis gleich der müden Flamme letztem Blinken
Sie todesmatt in sich zusammensinken!

Luise Büchner

Abschied

Die Bäume hören auf zu blühn,
Mein Schatz will in die Fremde ziehn;
Mein Schatz, der sprach ein bittres Wort:
Du bleibst nun hier, aber ich muß fort.

Leb wohl, mein Schatz, ich bleib dir treu,
Wo du auch bist, wo ich auch sei.
Bei Regen und bei Sonnenschein,
Solang ich lebe, gedenk ich dein.

Solang ich lebe, lieb ich dich,
Und wenn ich sterbe, bet für mich,
Und wenn du kommst zu meinem Grab,
So denk, daß ich dich geliebet hab.

Wilhelm Busch

Buch des Lebens

Haß, als Minus und vergebens,
Wird vom Leben abgeschrieben.
Positiv im Buch des Lebens
Steht verzeichnet nur das Lieben.
Ob ein Minus oder Plus
Uns verblieben, zeigt der Schluß

Wilhelm Busch



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